Ich reise gerne alleine. Häufig werde ich gefragt: Hast du keine Angst, so ganz alleine?

Nein, ich habe keine Angst. Wovor sollte ich denn Angst haben? Vor dir etwa? Ja, gut, in den Tunnels ist es manchmal etwas unangenehm. Sonst: nein.

Das ist die offizielle Antwort und gehört zu meinen Sicherheitsvorkehrungen. Ein verängstigtes Häschen ist das erste Opfer, wenn jemand Böses will. Ich nicht, ich bin mutig, mich erschreckt nichts, Angst kenne ich nicht.

Diese Haltung hält mir einige Nichtsnutze mit dummen Gedanken vom Leib.

 

Klar habe ich Angst

Die Wahrheit sieht natürlich etwas anders aus.

Ich bin ein Hasenfuss. Ich habe so ziemlich vor allem Angst:

  • Vor Lastwagen, die mir zu nahe kommen
  • Vor unaufmerksamen und/oder mutigen, sich überschätzenden Autofahrern
  • Vor Tunnels
  • Davor, dass mein Körper streikt
  • Vor Pannen in abgelegenen Gegenden (und keiner hilft mir)
  • Vor Halunken, die mir unterwegs auflauern
  • Vor Halunken, die sich nachts in mein Zelt werfen
  • Vor Halunken, die mich beklauen
  • Vor Nässe und Kälte
  • Davor, keine Unterkunft zu finden

In der Tat hatte ich schon das eine oder andere heikle Erlebnis. Glücklicherweise bin ich immer schadlos davongekommen.

 

Der Sicherheitsverantwortliche

In Kalabrien stand ich eines Septemberabends murrend vor der Mauer eines bereits geschlossenen Campingplatzes. Ich wetterte ein bisschen vor mich hin, ass ein paar Kekse und suchte auf der Karte nach Alternativen für die Übernachtung.

Da öffnete sich die Tür des Campings, und ein pummeliger, mittelalterlicher Mann sprach mich an:

„Willst du zum Camping?“

„Ja.“

„Der Platz ist seit vorgestern geschlossen, aber wir haben noch eine Gruppe hier, und wenn du willst, kannst du hier übernachten. Die Sanitäranlagen sind noch in Betrieb.“

„Sehr gern, danke.“ Mein Gefühl sagte Nein danke, ich mag geschlossene Plätze nicht. Aber da war ja noch eine Gruppe, und zudem war ich begeistert, nicht weiter suchen zu müssen.

„Komm, ich zeige dir einen Platz für dein Zelt.“ Er streckte mir die Hand hin: „Ich bin der Sicherheitsverantwortliche auf dem Platz.“

Ich verkniff mir das Grinsen, das mich überkam. Der ein Sicherheitsverantwortlicher?! Ob der überhaupt den Platz zu Fuss umrunden kann ohne ausser Atem zu geraten?

Er half mir dann ganz lieb, einen geeigneten Platz zwischen den ausgestorbenen Wohnwagen zu finden. Gemütlich wars nicht, und der Boden hart wie Beton.

 

 

Er tauchte immer mal wieder auf und wollte mir helfen. Langsam wurde er mir lästig.

Nach dem Duschen und Waschen ging ich an den Strand, und wer stand schon bald hinter mir? Jawohl, der Sicherheitsverantwortliche. Also packte ich ein paar Sachen ein, nahm das Fahrrad und fuhr ins Dorf, das etwa drei Kilometer entfernt war. Apero, Nachtessen. Dann wars dunkel.

Zurück zum Camping führte die Strasse dem Meer entlang durch ein unbeleuchtetes Niemandsland. Kaum war ich losgefahren, folgte mir ein Auto. Es überholte nicht, fuhr einfach hinter mir her. Kein Mensch war unterwegs, bloss ich und dieses Auto.

Irgendwann fuhr es neben mich und hielt meine Geschwindigkeit. Ich ignorierte es, bis einer rauspfiff und „Ciao bella“ johlte. Wie im Film, aber wesentlich grusliger. Wir fuhren jetzt mitten im Niemandsland, und auf dem Campingplatz war ja auch keiner zu erwarten. Ausser vielleicht der Sicherheitsverantwortliche, der mir auch nicht eben das Gefühl von Sicherheit vermittelt hatte.

Irgendwann wurde es dem Auto zu langweilig. Es überholte und verschwand. Ich kam ziemlich verschreckt am Camping an, es war stockdunkel und ausser dem Meer war nichts zu hören. Als ich das Tor zu öffnen versuchte, öffnete sich hinter mir die Tür eines geparkten Autos, und wer stieg aus: mein Held und Retter, der Sicherheitsverantwortliche.

„Hast du mich nicht erkannt? Das war ich in dem Auto vorhin.“ Er war offensichtlich bester Laune und hatte wohl schon ein bisschen gebechert.

Ich hätte ihn gerne erschlagen. Weitaus mehr beschäftigte mich aber der Gedanke, dass ich demnächst mit dem Kerl in den Mauern des Campings eingeschlossen wäre. Von der erwähnten Gruppe hatte ich bisher noch keinen Mensch gesehen.

In dem Moment tauchte eine Frau auf, die offensichtlich zum Platz gehörte. Der Sicherheitsverantwortliche war vorerst entschärft. Ich verzog mich in mein Zelt, machte mein Sackmesser bereit und schlief nicht. Ab und zu hörte ich Schritte, aber niemand machte sich an meinem Zelt zu schaffen. In der Morgendämmerung packte ich und fuhr in den strahlenden Tag hinaus.

Glück gehabt.

 

Tunnel-Geisterbahn

Tunnels sind ganz schlimm mit dem Fahrrad. Ich habe jedes Mal Zustände, wenn ich durch eine solche Röhre muss.

Auf einer bergigen Küstenstrecke war auf meiner Karte keine andere Strasse zu erkennen als die gut ausgebaute Hauptstrasse, welche gespickt mit Tunnels war. Und an jeder Tunnelwand hing ein Velo-Verbot. Es waren auch grausliche Löcher, kilometerlang, in schlechtem Zustand, von Ratten bewohnt. Da es kaum Verkehr hatte und ich keine Alternative zu dieser Geisterbahn sah, fuhr ich einfach drauflos.

 

Irgendwann überholte mich ein knalloranger Fiat Panda. Der Fahrer gestikulierte wild in seiner ebenfalls knallorangen Bauarbeiter-Jacke und hielt ein Stück vor mir auf dem Pannenstreifen. Ich fuhr an ihm vorbei. Er überholte wieder, hielt an und machte mir Zeichen, ebenfalls anzuhalten. Nein, das brauchte ich jetzt nicht auch noch.

Beim dritten Mal stieg er aus. Er hatte ein freundliches Gesicht, schaute aber grimmig und machte energische Zeichen, endlich anzuhalten.

„Bist du verrückt, hier zu fahren?“, fuhr er mich an. „Hast du die Rad-Verbote nicht gesehen? Die Tunnels sind viel zu gefährlich für ein Fahrrad.“

„Ich habe keine Alternative. Wo soll ich denn sonst fahren?“, verteidigte ich mich. Der wollte doch nur die Gunst der Stunde nutzen. Gleich würde er anbieten, mich mit seinem Auto an mein Ziel zu bringen.

„Es gibt eine Strasse, die durch die Dörfer hier unten führt. Ich zeige dir den Weg. Fahr mir nach.“

Tatsächlich führte er mich an eine Stelle, wo es einen Trampelpfad hinab zu einer verlotterten Strasse gab. Ich sah schon, wie mich eine Verbrecher-Gang ein paar Meter weiter abfangen und ausräubern würde.

Der Kerl begann, in seiner Hosentasche zu kramen, ich machte mich startklar – und dann hielt er mir einen Ausweis vor die Nase. Ein weiterer Sicherheitsverantwortlicher?

„Ich arbeite für die Strassensicherheit. Ich verstehe, dass du Angst hast. Ich will ja nur, dass du eine sicherere Strasse nimmst. Du musst nur dieses Stück nach unten fahren, und dann kommst du auf eine kleine Küstenstrasse. Die ist viel schöner als diese da und wesentlich sicherer.“

Angesichts der wartenden Tunnels ging ich zaudernd darauf ein. Und er hatte Recht. Kein Tunnel mehr an jenem Tag. Dafür viel Meersicht.

 

Wachsam

Es gab noch einige ähnliche Ereignisse. Oft war ich mir nicht sicher, ob der Übeltäter wirklich böse Absichten hatte oder nicht.

 

 

Bin ich alleine unterwegs, bin ich immer sehr wachsam und habe meine Umgebung im Auge. Oft schon habe ich den Platz gewechselt, weil etwas vor sich ging, das mir nicht behagte. Vielleicht bin ich übervorsichtig, aber auf das Gefühl kann ich mich fast immer verlassen.

Und irgendwann habe ich verstanden, dass ich mir die Menschen selber aussuche, mit denen ich sprechen möchte. Sobald ich ausgewählt werde, bin ich vorsichtig. Wenn mich jemand anspricht und aufdringlich etwas wünscht oder mir etwas anbietet, verschwinde ich.

Meine Sicherheitsvorkehrungen haben sich bewährt. So geniesse ich das Alleine-Reisen weiterhin.

Und Angst habe ich sowieso nie.