Beim aktuellen Hudelwetter bleibt mir nichts als wärmende Erinnerungen. An den Luberon beispielsweise:

Begonnen beim Frühstück in Avignon. Ein Riesenfrühstück mit exzellentem Baguette, frisch gepresstem Orangensaft, überraschend gutem Kaffee, alles zum Mini-Preis. An einem Tischchen vor dem Café, wärmende Sonnenstrahlen auf der Haut. Im Bici-Röckli, versteht sich.

Für Nichteingeweihte: Frau fährt heute mit einem luftigen Rock Rad. Der Würde zuliebe, damit der Blick auf wie Würste eingepresste Oberschenkel der Welt erspart bleibt. Im Bici-Röckli fährt es sich frei und fröhlich.

 

Zu zweit

Für einmal bin ich nicht alleine unterwegs. Monsieur Fnac (er hat sich den Namen auf dieser Tour hart verdient) will das Velo-Reise-Glück auch erleben. Er ist das erste Mal mit Fahrrad und Gepäck unterwegs, deshalb haben wir uns eine einfache Route ohne gröbere Steigungen ausgesucht: wir umrunden den Luberon.

Der Luberon ist ein Gebirgszug in Südfrankreich, östlich von Avignon. Département Vaucluse, falls es jemand so genau wissen will. Da gibts eine ausgeschilderte RouteAutour le Luberon„, was meiner Navigationsfaulheit sehr entgegen kommt.

Der erste Tag einer Tour ist Gewöhnungstag. Der Körper ist noch träge, und in den Packtaschen herrscht Chaos. Das ordnet sich jeweils ziemlich schnell. Dieser erste Tag führt uns von Avignon über Cavaillon nach Mérindole.

 

Cavaillon

Die Hauptstadt der Melonen. Es ist Mai, keine Erntezeit, und falls schon welche auf den Feldern wachsen, kann ich die Pflänzchen leider nicht als Melonen erkennen.

Für uns gibts in Cavaillon Crèpes. Vielleicht die beste Crèpe meines Lebens. Zumindest die beste Crèpe, an die ich mich erinnern kann. Mit Ratatouille. Vielleicht ist sie auch nur so gut, weil wir Hunger haben. Und weils gemütlich ist und wir guter Laune sind.

In Cavaillon beginnt der ausgeschilderte Weg um den Luberon. Ganz friedlich über Landsträsschen, ein leichtes Auf und Ab durch kleine Eichenwälder.

Immer den blau-orangen Wegweisern folgen

Immer den blau-orangen Wegweisern folgen

 

Chambres d’hôtes ohne Gastgeber

In Mérindole reichts. 60 km am ersten Tag sind genug. Die Zimmersuche zeigt sich überraschend schwierig: Als wir vor einem hübschen Anwesen mit dem Schild „Chambres d’hôtes“ stehen, sind die Gastgeber nicht da.

Chambres d'hôtes

Chambres d’hôtes

Zwei Teenie-Mädels toben mit einem Hund herum. Sie zeigen uns ein Zimmer, sagen, es komme gleich jemand und verschwinden im Ort.

Da wir den Preis nicht kennen und überhaupt Hemmungen haben, uns in einem fremden Haus einzurichten, warten wir über eine Stunde – nichts geschieht. Zum Glück fassen wir irgendwann den Mut, beziehen das Zimmer. Die Gastgeberin sehen wir nämlich erst am nächsten Morgen.

Frühstück mit Ice

Frühstück mit Ice

Und wieder ein Prachtsfrühstück. Auf der riesigen Terrasse, die schon fast wie ein Wohnzimmer eingerichtet ist. Hier ist man gewöhnt, draussen zu leben – davon kann ich nicht aufhören zu träumen. Während des Frühstücks wärmt uns Familienhund „Ice“ die Füsse unter dem Tisch.

 

Glücklich am Luberon

Ich weiss ja nicht, ob du das je erlebt hast, dieses Glück, wenn du an einem sonnigen Morgen aufs bepackte Fahrrad steigst und in die Welt hinaus pedalst. Und überall riechts nach Blühendem und nach Harz und nach Wiese, und Insekten schwirren durch die Gegend, und der Wind lüftelt um deine Beine, und die Sonne wärmt deine Haut.

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Ich könnte jetzt nicht so mit Klarheit sagen, ob es irgendetwas gibt, was mich glücklicher macht. Vielleicht das alles noch am Meer.

Dieser Morgen ist also so einer. Wir sind entzückt von den Orten Lauris, Lourmarin und Cucuron.

Dann wirds streng. Teilweise steil und unerwartet heiss, als wir nach Vitrolles-en-Luberon aufsteigen. Monsieur Fnac vergeht ein bisschen das Glücklichsein. Heiss und lange aufwärts Pedalen sind nicht so seins. Lange hinunterfahren jedoch schon, und das kriegen wir dann zur Belohnung, hinab nach La Bastide-des-Jourdans.

 

Auberge du cheval blanc

Die Auberge du cheval blanc ist auf den ersten Blick die einzige Unterkunft im Ort. Und das einzige Restaurant. Auch auf den zweiten Blick. Wir zögern etwas, als uns der Chef der Herberge das Zimmer mit Halbpension für 75 Euro pro Person verkaufen will, aber schliesslich ist uns nach Ankommen und Duschen und viel Essen, und wir willigen halbherzig ein.

Die Herberge wirkt zuerst etwas schmuddelig, aber sie ist nur in die Jahre gekommen, sauber ists. Auf der zimmereigenen Terrasse trocknet die Wäsche im warmen Abendwind im Nu.

Auberge cu cheval blanc

Auberge du cheval blanc

Und dann kommt das Abendessen, und das ist in jeder Hinsicht eine Sensation: wir sind die einzigen Gäste, aber der Chef scheut offensichtlich keine Mühe.

Am schönsten Tisch auf der Terrasse bekommen wir nach dem Amuse-bouche aus kleinen Toasts mit Aufstrich von getrockneten Tomaten und Avocado einen Teller mit Krabbencocktail auf Salat und frischen Spargeln. Danach Fisch an Knoblauchsauce, etwas Käse und schliesslich ein unvergesslich leichtes Panna cotta. Das hätten wir diesem Lokal und seinem Chef nicht zugetraut: absolut perfekt.

Nachtessen in der Auberge du cheval blanc

Nachtessen in der Auberge du cheval blanc

 

Nach Forcalquier und Apt

Forcalquier liegt am Berg. Unsere Unterkunft ganz unten im Tag. Überteuert ist sie auch, dafür haben wir eine kleine Wohnung für uns, mitten in einem grandiosen Garten.

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Auf der Fahrt nach Apt riecht es abwechselnd nach Raps, Nadelbäumen, Jasminartigem und Ginster. Ein paar Schleierwolken bewahren uns vor der Hitze. Gestern zeigte das Thermometer meines Velocomputers immerhin 39 Grad.

In Apt logieren wir in einem charakterlosen Hotel in einem Zimmer im Souterrain. Nichts für Klaustrophobiker, aber es hat Bett und Dusche, mehr brauchen wir nicht.

Zudem dürfen wir den Pool benutzen, und was könnte Monsieur Fnac glücklicher machen? Kaum ist das Velo entladen, schwimmt er schon fröhlich daher wie ein lächelnder Seelöwe. Dass sich schon eine ganze Wandergruppe im Pool tummelt, stört ihn nicht. Und dass das Wasser gefühlte 5 Grad kalt ist, offenbar auch nicht. Ich kann ja jetzt nicht so memmig tun, und steige auch hinein. Wie Gletscherwasser. Selbst wenn du schwimmst wie verrückt, wird gar nix warm. Erfrischend, doch, das muss man ihm lassen, dem Pool.

Schön ist ja dann immer das Nachtessen, vor allem zu zweit. Wenn du den ganzen Tag richtig viel gepedalt bist und so wohlig erledigt, und der Hunger macht sich bemerkbar, dann gehst du frisch geputzt in den Ort, um wie die Grossen zu schlemmen. Ich Loup de mer mit Ingwer, mir gegenüber vergnügt sich Monsieur Fnac mit einem Burger. Ja, ehrlich, der isst einen Burger, er ist schon ein komischer Kauz…

 

Zurück nach Cavaillon

Ziemlich geschmacks- und freudloses Frühstück im grossen Gruppenraum des Hotels in Apt. Ist das Normalfood auf Gruppenreisen? Die Wolken hängen grau am Himmel, gleich beginnt es zu regnen. Tut es aber nicht, später reissen die Wolken auf, es wird erneut ein heisser Tag.

Erst gemütlicher Aufstieg bis nach Bonnieux, hübsches Städtchen mit Flohmarkt. Viele Touristen, hier ist etwas los, uns gefällts.

Flohmarkt in Bonnieux

Flohmarkt in Bonnieux

 

Na, schon Hunger?

Na, schon Hunger?

 

Leider können wir mit dem Velo keine Vorräte mitnehmen...

Leider können wir mit dem Velo keine Vorräte mitnehmen…

 

Nach dem Flanieren durch Bonnieux fahren wir an weiteren Städtchen, hoch an den Hügeln, vorbei. Ich ziehe heute meinen faulen Tag ein, komme nicht so in die Gänge, vielleicht ists mir einfach zu warm (und das heisst ja was!). Ein letztes Hochquälen nach Weissnichtmehrwiedashiess, wo wir uns eine Unterkunft im „Petit café“ erhoffen, aber die drei Zimmer sind ausgebucht. Wie schade, so ein hübsches Plätzchen, sowohl Ort wie auch Café.

Der Rest des Nachmittags geht auf Kosten der Unterkunftssuche. Es ist Auffahrt, offenbar haben andere Touristen vorausschauend ihr Bett reserviert. Wir eben nicht. Wir versuchens noch in einem toll aussehenden Chambres d’hôtes am Weg, aber der Gastgeber lacht uns fast aus, als wir sagen, wir hätten keine Reservation.

Erst zurück in Cavaillon werden wir fündig. Exakt zum Umzug des Fête de Cavaillon treffen wir ein. Offenbar ist das Fest traditionell an Auffahrt und setzt sich am darauf folgenden Samstag Abend fort. Mit von der Partie ist eine Delegation der Partnergemeinde Weinheim (Deutschland). Ihre Prinzessin logiert in dem Hotel, in dem auch wir schliesslich ein Zimmer finden. Ein Prinzessinnenzimmer eben.

Ici médite un grand philosophe

Ici médite un grand philosophe

Und so ist unsere Luberon-Umrundung nach fünf Tagen und 250 km beendet.

Aber wir fahren noch nicht heim, es geht weiter Richtung Süden. Und da erleben wir was!