Ende 2025 erschien das umfangreiche Buch Ciclovie d’Italia: 100 spettacolari itinerari in bicicletta von Monica Nanetti und Ilaria Fiorillo – 100 spektakuläre Radrouten in Italien. In diesem Artikel beschreibe ich meinen persönlichen Eindruck von diesem Buch und gebe Einblick in das Gespräch mit einer der Autorinnen.

Ciclovie d’Italia empfehle ich allen (Einsteiger*innen und Erfahrene), die Lust auf eine Radreise in Italien haben – besonders als Ideen-Pool und Inspiration für die nächste Tour. Ideal auch als Geschenk, weil es wirklich hübsch und «amächelig» daherkommt.

Leider ist das Buch bisher nur auf Italienisch erhältlich, aber mit den Karten-Skizzen, Zahlen, Fotos und Hinweisen auf GPS-Tracks ist es auch ohne vertiefte Italienisch-Kenntnisse verständlich. Ein digitales Format gibt es bisher ebenfalls nicht zu kaufen.

Ciclovie d'Italia_Terre di mezzo Editore

Angaben zum Buch:

Monica Nanetti, Ilaria Fiorillo: Ciclovie d’Italia. 100 spettacolari itinerari in bicicletta. Terre di mezzo editore, Milano 2025. 320 Seiten, 24,90 Euro. ISBN 9791259963185

Ciclovie d’Italia beim Verlag Terre di mezzo editore anschauen (Versand innerhalb Italiens).

Ciclovie d’Italia bei Amazon anschauen und allenfalls bestellen (Partnerlink, Versand nach DACH).

Beide Webseiten geben unterschiedliche Einblicke ins Inhaltsverzeichnis und andere Ausschnitte des Buches.

Eine Karte durch den Radwege-Dschungel Italiens

«Das, was Sie in Händen halten, ist trotz seines Aussehens als Buch eigentlich eine grosse Karte«, schreiben Monica Nanetti und Ilaria Fiorillo im Vorwort von Ciclovie d’Italia.

In den letzten Jahren ist das Angebot an Radrouten in Italien gewachsen – und zunehmend unübersichtlich und dadurch verwirrend geworden. Diese “Karte” soll Orientierung schaffen in der italienischen Velowege-Landschaft.

Trotzdem: Es ist ein Buch. Über 300 Seiten stark, grafisch attraktiv aufbereitet, mit skizzierten Kartenausschnitten und stimmungsvollen Fotos. Ein Buch, das man abends auf dem Sofa durchblättert, nicht aber mit auf die Velotour nimmt. So ist es auch nicht gedacht. “Es ist ein Inspirationskatalog, in dem jeder die Route findet, die zu ihm passt”, sagt Monica Nanetti.

Tatsächlich bildet  Ciclovie d’Italia die Vielfalt des Radreisens in Italien gut ab: Alle 20 italienischen Regionen werden abgedeckt, von der Po-Ebene bis zu den Bergen Kalabriens, von asphaltierten Radwegen bis zu anspruchsvollen Gravel-Strecken im Apennin, von der 1-Tages-Tour bis zur 43-Etappen-Stiefeldurchquerung.

Von den Alpen bis Sizilien: 100 Routen für jeden Gusto

Die beiden Autorinnen wissen aus eigener Erfahrung, worauf es Veloreisenden ankommt – das merke ich beim Stöbern im Werk.

Für jede der 100 Routen werden alle wichtigen Daten aufgeführt: Streckenlänge, Höhenmeter und -profil, empfohlener Fahrradtyp, Informationen zur Bahnanbindung und zu Anschlüssen an andere Routen.

Wichtig auch die Rubrik «Per non perdersi» – um sich nicht zu verirren: Hinweise, wo GPS-Tracks und weitere Navigationshilfen zu finden sind.

Die Routen wurden explizit so gewählt, dass sie gut mit einem bepackten Velo zu bewältigen sind – und nicht über Mountainbike-Trails führen.

Neben Klassikern wie der Via Claudia Augusta finden sich stillere Touren: auf Nebenstrassen durch die Basilikata, eine Burgen-Tagestour vor den Toren Roms oder eine Kunst und Kulinarik-Runde durchs Piemont.

Die Beschreibungen geben einen guten Eindruck von der Tour, weisen auf unasphaltierte Abschnitte oder solche mit spärlichen Versorgungsmöglichkeiten hin, wie auch auf Sehenswürdigkeiten in der Nähe.

Ein spezielles «Principianti«-Symbol kennzeichnet Routen für Veloreise-Einsteiger und Familien. Diese Touren bieten sichere Velowege, verlässliche Wegweiser und gute Infrastruktur.

Die Philosophie: Weniger planen, mehr erleben

Im Vorwort erklären Monica und Ilaria, warum sie auf eine Schwierigkeitsskala (leicht/mittel/schwer) verzichtet haben: Schwierigkeit ist relativ und hängt von mehreren Faktoren ab – Fitness, Nutzung eines E-Bikes und auch verfügbare Zeit: derselbe Weg kann in kurze Etappen aufgeteilt, zum Genussradeln werden – oder zur sportlichen Herausforderung, wenn in wenigen Tagen absolviert.

So verständlich die Argumentation ist, so sehr fehlt mir dann doch ein Überblick. Nicht nur regional sind die Touren bunt gemixt, sondern auch was die Tourenlänge betrifft. Wer konkret eine 2-Tages-Tour für ein Wochenende sucht oder eine gemütliche Familienroute, muss sich durch die Kilometer- und Etappenangaben der 100 Touren im Inhaltsverzeichnis pflügen. Eine Gruppierung in 1-2-Tages-Touren, 1-Wochen- und längere Touren wäre nützlich gewesen. Wie auch ein ergänzendes Zeichen «Für Anfänger geeignet» im Inhalt.

Andererseits ist genau das auch Teil der Philosophie der Autorinnen: sich auf ein Abenteuer einzulassen, einfach loszufahren und nicht alles bis ins Detail zu planen. Sie formulieren es so:

«Es gibt auch die mindestens genauso spannende Option, sich auf den Weg zu machen, ohne mehr als das Nötigste zu wissen, und sich Tag für Tag von dem überraschen zu lassen, was die Strasse zu bieten hat.»

Das hat ja durchaus auch seinen Reiz.

Gespräch mit Monica Nanetti

Ich hatte die Gelegenheit, mit einer der Autorinnen von Ciclovie d’Italia zu sprechen, nämlich mit der der Mailänder Reisejournalistin Monica Nanetti. In ihrem ersten Buch Se ce l’ho fatta io (“Wenn ich es geschafft habe” – Partnerlink) beschrieb sie 2018 ihre erste Veloreise von Aosta nach Rom auf der Via Francigena. Wie es zum Erscheinen von Ciclovie d’Italia gekommen ist, erfährst du im folgenden (gekürzten) Gespräch:

Ciclovie d'Italia

Die Autorinnen Ilaria Fiorillo (links) und Monica Nanetti (rechts) ; Foto: Monica Nanetti

Doro Staub (DS): Ciclovie d’Italia hast du zusammen mit Ilaria Fiorillo geschrieben. Wie ist dieses Buch entstanden?

Monica Nanetti (MN): Im Jahr 2024 hatte ich für den gleichen Verlag das Buch Cammini d’Italia (Partnerlink) geschrieben – 100 Wanderwege. Ein Jahr später haben Ilaria und ich uns gesagt: „Es ist Zeit, dass wir die Radwege in Angriff nehmen.“ Das Ziel war, das Buch zu schreiben, das wir selbst gerne hätten, um neue Touren zu entdecken. Weder der Verleger noch wir hätten gedacht, dass wir tatsächlich 100 Touren finden würden. Aber ecco, hier sind sie!

DS: Seid ihr alle 100 Routen selbst gefahren?

MN: Ilaria und ich sind total begeistert vom Radreisen und haben zusammen etwa 80 % der im Buch enthaltenen Velowege zurückgelegt. Was wir selbst nicht geschafft haben, übernahmen Freunde.

DS: Ihr schreibt in der Einleitung, dass Ciclovie d’Italia eigentlich kein Buch, sondern eine grosse Karte ist. Warum gibt es keine Italien-Karte als Übersicht?

MN: Es war grafisch kaum umzusetzen. Wir habens versucht, aber die Karte wurde unlesbar, ein verworrenes Netz ohne Mehrwert. Eine Online-Plattform könnte alles verständlich darstellen, aber die haben wir nicht. So hilft jetzt eine Mini-Karte bei jeder Tour zur Orientierung.

DS: Ihr habt dann auch die Reihenfolge der Touren im Buch ganz zufällig gewählt?

MN: Ja, die Reihenfolge gab schon beim Wanderbuch viel zu diskutieren. Wie willst du die Reihenfolge bestimmen? Von Norden nach Süden? Von Osten nach Westen? Es gibt sehr lange und kurze Routen. Die Via Francigena zum Beispiel, die im Aostatal beginnt und bis nach Rom oder sogar noch weiter südlich führt, wo ordnest du die ein?

Also haben wir gesagt: Das Buch ist kein klassischer Reiseführer, sondern ein Inspirationskatalog. Man soll blättern, sich inspirieren lassen. Das Buch soll emotional sein: Berge, Meer, Städte – Bilder, die Lust aufs Losfahren machen. 

Schau also nicht zuerst auf den Index, sondern benutze das Buch andersrum: Blättere rum, dann siehst du einen Ort und sagst: „Da ists schön, da will ich hin, zeig mir, wo das ist.“ Die Idee ist: Nicht planen, nicht zu viel nachdenken. Losfahren!

DS: Du bist ja auch in Nordeuropa mit dem Velo gereist. Eignet sich im Gegensatz dazu Italien überhaupt zum Radreisen? 

MN: Wir Italiener sehen unser Land immer noch als eines, das nicht für Radtouristen geeignet ist, was einerseits stimmt, da wir in vielen Bereichen noch weit zurückliegen. Aber nicht so weit zurück, wie wir uns selbst einreden. Immerhin gibts ja mindestens 100 Radrouten. Mit guten, ehrlichen Informationen ist Italien ein wunderbares Veloreiseland.

DS: Welchen Radweg würdest du ausländischen Touristen empfehlen, die zum ersten Mal in Italien mit dem Velo unterwegs sind?

MN: Eine Route im Norden, die ich gern empfehle, ist die Alpe-Adria-Route von Tarvisio nach Grado. Sie ist asphaltiert, autofrei, sicher, kinderfreundlich, abwechslungsreich, perfekt organisiert. In drei Tagen leicht bergab vom Alpenraum ans Meer.

Wichtig ist mir noch zu sagen, dass manche Routen nur auf dem Papier existieren. Die Ciclovia del Sole zum Beispiel, Teil der Eurovelo 7, endet praktisch in Bologna, obwohl sie bis nach Malta führen sollte. Und die Ciclovia Adriatica, die von Triest bis an den Stiefelabsatz in Apulien führt, hat schöne Abschnitte, ist aber kein durchgehender Weg. Das Problem ist nicht, dass die Routen unfertig sind – sondern dass behauptet wird, sie seien fertig. Das ist kontraproduktiv, enttäuscht und verärgert die Fahrradtouristen. Deshalb haben wir solche Routen bewusst ins Buch aufgenommen – aber klar als Projekte gekennzeichnet.

DS: Gerade um diese Hinweise zu verstehen, brauchen wir eine deutsche Übersetzung von Ciclovie d’Italia. Dürfen wir damit rechnen?

MN: Ja, das würde mich auch freuen. Ich habe mit dem Verlag darüber gesprochen, und wir werden sehen, was er entscheidet.

Danke, liebe Monica, für das heitere, vergnügliche Gespräch!


Wenn du ein überschaubareres Buch auf Deutsch bevorzugst, ist vielleicht 21 schönste Radtouren in Italien von Miss Move genau richtig für dich?