Nach der Durchquerung der Regionen Apulien, Molise und Abruzzen im Südteil, führt die Ciclovia Adriatica durch die Marken, Emilia Romagna, Veneto und Friaul.

Ich befinde mich jetzt etwa in der Mitte der Strecke:

Ciclovia Adriatica

Ciclovia Adriatica – einer der ganz wenigen Wegweiser

 

Zwei Römer

Kaum verlasse ich den Campingplatz in Roseto degli Abruzzi, begegnen mir zwei lustige Kerle: Mauro und Giorgio aus Rom.

Zuerst sehe ich sie vorbeifahren, zwei Herren in altmodischen Bike-Shirts auf leicht beladenen Fahrrädern mit je einer flatternden USA-Fahne.

Mauro und Giorgio

Ein paar hundert Meter weiter begegnen wir uns wieder und kommen ins Gespräch. Giorgio trägt ein Hürzeler-Trikot mit Rivella-Werbung.

„Woher hast du denn das Shirt?“, frage ich ihn.

„Vom Flohmarkt in Rom. Das von Mauro auch“, antwortet er. ‚Viva Mallorca‘ steht auf Mauros Trikot, gespickt mit unzähligen Rennrädchen. Süss.

Die beiden sind mit dem Fahrrad unterwegs von Pescara nach Ravenna. Giorgios Sohn wohnt in Ravenna, und den gehen sie besuchen. Der zweite Sohn von Giorgio lebt in den USA, deswegen die USA-Fahnen an den Rädern.

Giorgio und Mauro

Giorgio und Mauro

Da wir die gleiche Route fahren, verbringen wir die nächsten fünf Tage mal mehr, mal weniger zusammen. Zwischenzeitlich fahren wir unterschiedliche Wege, treffen uns aber immer wieder.

 

Fatti i cazzi tuoi

Wie es mit den beiden zu- und hergeht, kannst du dir in etwa denken, wenn du dir die folgenden Fotos ansiehst.

Man könnte einen Film von den beiden machen. Besonders wenn sie lautstark und wild gestikulierend über den richtigen Weg diskutieren. Oder wenn sie Geschichten von früher erzählen. Herzerwärmend.

Giorgio und Mauro

Mauro und Giorgio. Diese Chianti-Shirts hat ihnen ein Freund spendiert.

 

Giorgio und Mauro

 

Sehr hilfreich für mein Unterwegssein in Italien ist Giorgios Sprachkurs. Ich verstehe ihn grundsätzlich nicht sonderlich gut, weil ihm nicht so nach sauberem Italienisch ist. Der römische Dialekt beschleunigt die Sprache, indem er konsequent Anfang und Ende der Wörter weglässt. Sehr effizient, aber ich kann nur mit viel Fantasie und das auch nur selten wirklich folgen.

Deswegen gibt mir Giorgio drei wichtige Dinge mit auf den Weg, den Rest brauche ich nicht zu verstehen:

  • Libertà (Freiheit)
  • Das habe ich vergessen. Vielleicht wars: indipendenza (Unabhängigkeit)
  • Fatti i cazzi tuoi (Kümmere dich um deinen eigenen Scheiss). Hilft in jeder Lebenslage, wenn die oberen beiden nicht ausreichen.

 

Wie schön, so fröhliche und humorvolle Menschen an meiner Seite zu haben. Zudem geniesse ich es, mal nicht selber den Radweg zu suchen. Ich hänge mich hinten an und folge, ganz Schaf, der Herde.

Einfach hinterherfahren, wie schön!

Einfach hinterherfahren, wie schön!

 

Mit Mauro und Giorgio komme ich auch wieder einmal richtig zum Essen. Aber richtig, richtig gut!

Antipasto del mare

Antipasto del mare

 

Grazie Giorgio e Mauro!

Mauro

Giorgio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Durch die Marken

Die Marken gefallen mir fast so gut wie die Abruzzen. Landschaftlich grandios, wenn du ins Landesinnere fährst:

In den Marken. Fermo am Horizont

In den Marken. Fermo am Horizont

Die Küste hingegen ist ödes Lido-Land. Flach, Sandstrand, 100 Millionen Sonnenschirme, langweilig.

Hübsche Ausnahme: der Conero Nationalpark südlich von Ancona. Leider sieht man von der Strasse her wenig von dieser felsigen Küste. Das wäre ein Ort zum Wandern.

Bei Sirolo im Conero Nationalpark

Bei Sirolo im Conero Nationalpark

Am Morgen früh quäle ich mich mit dem Fahrrad auf den Monte Conero (572 Meter). Eine mördersteile Strasse. In der Hälfte ist mir nach Umkehren, aber ich freue mich auf die Aussicht. Darum: weiter, bis die Muskeln glühen.

Doch oje: oben angekommen stelle ich fest: alles im Wald, keine Aussicht. Ein 20-minütiger Fussweg führt immerhin zu diesem kleinen Ausguck:

Aussicht vom Monte Conero

Aussicht vom Monte Conero

 

Aussicht auf der Abfahrt vom Monte Conero

Aussicht auf der Abfahrt vom Monte Conero

 

Kurz vor Ancona im Conero Nationalpark

Kurz vor Ancona im Conero Nationalpark

 

Dann gibts viele potthässliche Stücke, wo es weit und breit keine Sekundärstrasse am Meer entlang gibt, geschweige denn einen Radweg. Bedeutet konkret: schmale Strassen ohne Seitenstreifen, auf dem sich alles tummelt, was nach Norden muss. Ja, auch Lastwagen.

 

Im Norden

Und plötzlich komme ich im Norden an. Mir scheint, als ob ab Pesaro auf einen Klapf der modernere Norden beginnt. Tolle Radwege, haufenweise Radfahrer, gut erhaltene Infrastruktur, die Strassen sauber. Die Menschen staunen nicht mehr über ein bepacktes Fahrrad und duzen mich erfreulicherweise wieder.

Grandioser Radweg bei Pesaro, immer alles dem Meer entlang

Grandioser Radweg bei Pesaro, direkt dem Meer entlang

 

Das Wetter wird wacklig. Es sieht dauernd nach Regen aus. Mich erwischt er vorerst nicht.

Die Aussicht von der Panoramastrasse zwischen Pesaro und Cattolica ist leider vorwiegend grau. Trotzdem ist die Strasse betörend – sie riecht nach Holunder- und Lindenblüten, gemischt mit Jasmin.

 

Panoramastrasse Pesaro-Cattolica

Panoramastrasse Pesaro-Cattolica

 

Sicht auf Cattolica

Sicht auf Cattolica von Gabicce Monte

 

Irgendwo nach Rimini

Irgendwo nach Rimini, vielleicht Cervia

 

Echter Radweg bis Venedig

Nach Ravenna überraschen mich plötzlich echte Radwege mit echten Wegweisern. Ein Radweg nach Venedig, grandios.

Fahrrad-Wegweiser

Fahrrad-Wegweiser

Offroad-Radweg im Po-Delta

Offroad-Radweg im Po-Delta

 

 

 

 

 

 

 

 

Bald finde ich mich auf einem schmalen Offroad-Pfad wieder. Was für eine Ruhe. Ich bin ganz allein mit den Vögeln und dem weiten Himmel. Nur das Geholper meiner Fuhre lärmt.

Und – ich habs schon halb erwartet – je länger der Weg, desto wilder wird er. Bald komme ich in Sandpassagen ins Schleudern, bleibe stecken und muss schliesslich schieben.

Erst als ich das nächste Dorf erreiche, kann ich mich wieder orientieren und stelle fest: eine Stunde für 5 Strassenkilometer. Die nächste Etappe verläuft ähnlich schwierig, und schliesslich verlasse ich bei Goro den Radweg und fahre murrend wieder auf die Lastwagen-Strasse.

Dieser Radweg ist grandios, wenn du stationär an einem Ort bist und mit dem Mountain Bike Tagestouren unternimmst, um das Po-Delta zu erkunden. Wunderschön.

 

Venedig umschiffen

Chioggia ist wie Venedig von Kanälen durchzogen. Hübsch zum Angucken.

Chioggia

Chioggia

Nördlich davon befinden sich zwei langgezogene Inseln, welche die Lagunen von Venedig einschliessen. So sieht das auf der Landkarte aus. Hier kannst du bis Venedig oder eben auch weiter nordwärts über die Inseln hüpfen.

Inselhüpfen vor Venedig

Inselhüpfen vor Venedig

Für mich ist der Weg über die Inseln ideal, weil die Alternative, die über Venedig führt, nichts als hässlich und gefährlich ist – Industriezone.

Darum: 3 Mal Fähre fahren. Sehr komfortabel mit dem Fahrrad und eine lustige Abwechslung.

Los gehts: auf der Fähre in Chioggia

Los gehts: auf der Fähre in Chioggia

 

Sogar der Bus nimmt die Fähre.

Auch der Bus nimmt die Fähre.

 

Die Inseln sind wahre Fahrrad-Paradiese: ruhige Strassen, meistens auf Radwegen. Völlig flach, urgemütlich. Das könnte jetzt auch Holland sein oder eine Insel in der Nordsee. Und das ganz ohne Wind.

 

Inseln von Venedig

Inseln von Venedig

 

Übrigens war ich der Meinung, dass es den Kreuzfahrtschiffen nicht mehr erlaubt ist, nach Venedig zu fahren. Ich sehe aber vier fette Kähne. Ab wann gilt denn dieses Verbot, weisst du das?

Sicht auf Venedig

Sicht auf Venedig

 

Caorle

Schliesslich ist wieder einmal Sonntag Nachmittag, als ich in Caorle einfahre. Das übliche Chaos, und ich kann mich überhaupt nicht orientieren, weil überall Kanäle sind, aber nirgends das Meer.

Als ich aber den Campingplatz finde, bin ich ganz zufrieden und bleibe gleich drei Tage.

Caorle ist ein unendliches Meer von Hotels, die den ewig breiten und langen Sandstrand säumen. Im Zentrum ist aber noch der alte Kern erkennbar, ein hübsches kleines Fischerdörfchen. Sehr charmant.

Caorle

Caorle

 

Schlussfahrt nach Trieste

Bevor ich nach Trieste gelange, überrascht mich Grado, ein Städtchen mitten in der Lagunenlandschaft. Ein perfekter Radweg führt von Norden über einen Damm in den Ort.

Auf dem Damm vor Grado

Auf dem Damm vor Grado

 

Ich komme nicht gerne an. Das Ziel erreichen bedeutet auch immer eine gewisse Orientierungslosigkeit. Was kommt denn nach dem Ziel?

Deshalb starte ich meine letzte Etappe nach Trieste eher zögerlich. Sie belohnt mich aber mit einer hübschen Küstenstrasse und dem unsäglichen Castello di Miramare mit seinem Park.

Castello di Miramare

Castello di Miramare

 

Miramare: Schloss mit Meeranschluss

Miramare: Schloss mit Meeranschluss

 

Trieste empfängt mich erst mal mit einem kräftigen Regenguss, dann wirds zögerlich schöner. Tolle Stadt. Kannst du auf die To-do-Liste der Städtereisen setzen.

 

Trieste

 

Trieste

 

Trieste

 

Trieste

 

Trieste

Das wars von der Ciclovia Adriatica. Nach etwa 1600 km bin ich angekommen. Ganz zufrieden.

Miss Move

Fazit

Die Ciclovia Adriatica ist keine attraktive Fahrrad-Route. Einzelne Abschnitte bieten tolle Radwege. Vermutlich hätte es noch einiges mehr an Radwegen gegeben als ich gefahren bin. Leider sind sie so schlecht beschriftet, dass ich sie häufig gar nicht gefunden habe.

Die südlicheren Regionen Apulien und Abruzzen sind landschaftlich wunderschön. Ansonsten viel ödes Flachland und stundenlange Fahrten auf Lastwagen-Strecken.

Aber wie immer: die Menschen, die ich unterwegs getroffen habe, haben mir eine unvergessliche, bereichernde Reise beschert.

Danke allen, die mich begleitet haben!