Hätte ich aktuell einen dringenden Text-Auftrag, wäre Feuer im Dach.

Das Meeresglitzern, das ich von meinem Frühstücks- und Arbeitstisch aus sehe, würde da auch nicht viel helfen.

 

Digitale Nomadin auf Probe

Als Versuch, wie ich mich als Digitale Nomadin so mache, bin ich ein paar Tage nach Italien verreist. Ich muss dringend arbeiten, damit ich die grosse Ankündigung des letzten Artikels einhalten kann, muss das aber nicht unbedingt von zu Hause aus machen. Das ist ja das Ziel all meiner Bemühungen: als digitale Nomadin kann ich von überall arbeiten.

Gar nicht schlecht, dass ich das in einem Moment ausprobiere, in dem ich keinen dringenden Text-Auftrag habe, denn wie sich herausstellt, kann dabei einiges schief gehen.

 

Von Sardinien gelernt

Ich habe ja schon auf meiner Sardinien-Radreise versucht, von unterwegs Blog-Beiträge zu schreiben, was nicht so ganz geglückt ist, weil:

  • Der Internet-Zugang auf Campingplätzen ist kaum oder gar nicht vorhanden oder zeitlich limitiert oder so langsam, dass du auch gleich verzichten kannst.
  • Ich habe meine Fahrrad-Tage so dicht gefüllt, dass es gerade einmal reichte, um Tagebuch zu schreiben. Einen echten Artikel habe ich aber nicht zustande gebracht.
  • Ich hatte nur mein Mini-iPad mit einer Tastatur dabei. Zum Schreiben reicht das. Für WordPress ist es aber ziemlich unhandlich.

Erst als ich einen Tag in einem Hotel mit stabilem WLAN blieb, konnte ich ernsthaft arbeiten.

Aus diesen Fehlern habe ich gelernt und definiere Bedingungen für meinen jetzigen Italien-Aufenthalt:

  • Ich bin stationär
  • Ich habe eine eigene Wohnung (mit Heizung)
  • Ich habe einen Balkon mit Sicht aufs Meer
  • Ich habe eine gute Internet-Verbindung
  • Ich nehme meinen ausgewachsenen Laptop mit

Das sollte reichen, um gut vorwärts zu arbeiten.

 

Die perfekte Unterkunft

Über Airbnb lassen sich Wohnungen ganz komfortabel buchen. Du kannst über verschiedene Filter bestimmen, was deine Unterkunft bieten muss.

Internet-Zugang ist ein Killerkriterium. So hübsch die Unterkünfte auch sein mögen – wenn kein Internet vorhanden ist, kommen sie für mein Vorhaben nicht infrage.

Ich starte vier Anfragen und betone überall, dass ich eine gute Internet-Verbindung brauche, weil ich arbeiten muss.

Die Ausbeute:

  • Eine Absage wegen Umbau
  • Ein Angebot mit kürzerer Aufenthaltszeit als ich wünsche
  • Mein Favorit bekennt, dass das WLAN eigentlich von der Nachbarin ist und nicht so ganz klar sei, ob ich es über diese Zeit nutzen könnte
  • Ein Angebot passt, und das schnappe ich mir

Ich buche ein Studio mit WLAN und Balkon mit Meersicht. Für 44 Franken pro Nacht. Grandios, oder?

Ja, es ist grandios, aber du ahnst es: Nicht ganz alles klappt so famos, wie es jetzt klingt.

 

Ich suche mir einen Mann aus Alassio

Kleiner Exkurs, weil die Anfahrt schon so entzückend ist:

Im Zug treffe ich auf eine ältere Dame. Klassisch, im Pelzmantel. Erst streiten wir uns um meinen Platz. Ich buche wegen meiner latenten Platzangst immer den Gangplatz und bestehe darauf. Die Dame hat einen Fensterplatz, will aber auch im Gang sitzen und behauptet, mein Platz sei ihrer. Das Gezänk löst sich in Minne auf, als eine andere Passagierin anbietet, ihren Platz zu tauschen.

Wir fahren durch dichten Nebel, und die Dame seufzt:

„Zum Glück wohne ich jetzt am Meer. Das hier hier hält ja keiner aus. Früher musste ich auch hier leben.“

Das klingt nach einer Geschichte. Und die kommt, sobald ich nachfrage.

Als junges Mädchen ist sie das erste Mal nach Alassio (Ligurien) gekommen. Dort hat es ihr so gut gefallen, dass sie bleiben wollte. Also hat sie sich einen Mann aus Alassio gesucht, hat ihn gefunden, geheiratet und lebt seither dort, wo sie leben möchte.

So einfach geht das. Falls du mit deinem aktuellen Wohnort haderst: jetzt kennst du die Lösung.

Die Fahrt ist leider zu kurz, um auch noch die Geschichte zu hören, WIE sie denn den Mann aus Alassio gefunden hat.

Übrigens ist die Zugfahrt ohne Fahrrad und Gepäck höchst entspannend. Keine Regionalzüge-Pflicht, kein Problem mit Unterführungen, kein murriger Capotreno, alles easy.

Als ich an meinem Zielbahnhof aussteige, hüllt mich ein frühlingswarmes Lüftchen ein. Den Bus erwische ich gerade noch.

 

Das Hafen-Internet soll ganz gut funktionieren

An der Busstation holen mich Patrizia und Giorgio ab, die Airbnb-Wohnungsbesitzer. Sie zeigen mir auf einer kleinen Dorfrundfahrt, wo ich ein Fahrrad mieten und Lebensmittel einkaufen kann.

Und dann die Wohnung, wow! Alles, wie in der Anzeige beschrieben. Die Sonne scheint in das kleine Studio, ich blicke beglückt auf den Hafen und das Meer. Und kriege gar nicht so genau mit, was mir die beiden alles noch so erklären.

„Und für das Internet nimmst du das Hafen-Wifi“, sagt Patrizia.

„Ah, also die Wohnung hat kein eigenes WLAN?“ Diesen Teil kriege ich wieder mit. Ich habe genügend Erfahrungen mit italienischen Hotspots gemacht. Stabil und schnell wäre anders.

„Nein“, sagt Giorgio, „aber das vom Hafen soll ganz gut funktionieren.“

Soll.

Die beiden verabschieden sich, und ich teste umgehend, wie sich die Verbindung so macht.

Meine Befürchtung bestätigt sich: die Internet-Verbindung ist praktisch unbrauchbar. Wenn ich mich überhaupt verbinden kann, dann ist es extrem langsam. Zum Glück war ich von Anfang an skeptisch und habe einiges auf meinen Laptop geladen, das ich auch ohne Internet zum Arbeiten brauchen kann.

Den restlichen Tag nutze ich, um das Meer würdig zu begrüssen, das Dorf zu erkunden und nach Essbarem zu suchen.

 

Und überhaupt: Ich fahre jetzt nach Hause

Am Morgen bin ich ein weiteres Mal entzückt, als ich vom Frühstückstisch aus die Sonne aus dem Meer aufgehen sehe. Ehrlich: ein roter Ball direkt aus dem Meer heraus!

Hafen von San Lorenzo al mare

Die Begeisterung hält so lange an, bis ich meinen Laptop am Strom anschliessen will.

Oh, mein Stecker ist dreipolig, die Steckdose zweipolig.

Die Kleinigkeit ist mir entgangen, weil meine übrigen Ladegeräte zweipolig sind. Die passen in Italien ohne Adapter. Tja, der Laptop nicht. Der Adapter ist zu Hause. Ohne Strom kann ich den Laptop bestenfalls 11 Stunden benutzen.

Die Stimmung sackt ab. Kein Internet und ein unbrauchbarer Laptop. So wird das nix mit Arbeiten. Digitale Nomadin ohne Strom.

Und dann folgt mein automatisiertes Standardprogramm für Widerstände jeglicher Art: Flucht.

Ich plane meine sofortige Heimreise. Zu Hause kann man halt einfach am besten arbeiten. Und überhaupt:

  • In dieser Wohnung hats ja nicht einmal eine nutzbare Kaffeemaschine. Zwei Mokka-Kocher, aber einer verschimmelt, der zweite ohne Henkel. Unbrauchbar.
  • Ob ich die Wohnung wohl früher verlassen kann? Wann fahren Züge?
  • Ich habe miserabel geschlafen. Das Bettsofa ist durchgelegen. Und der Kühlschrank brummt. Und zu hell ists nachts, und das komische Blinklicht. Da kann ja keiner schlafen.
  • Wie bin ich bloss auf die absurde Idee gekommen, ortsunabhängig arbeiten zu wollen?
  • Fahr nach Hause, vergiss Miss Move, ordne dich brav ins normale Leben ein.
  • Zu Hause ist alles so eingerichtet, dass es für mich passt.
  • Und ehrlich: will ich in einer Wohnung sein, in der der Boiler tropft, wenn er aufheizt?

So geht das in meinem Kopf ein paar Minuten wild zu und her, bis ich es überhaupt mitkriege und das Gejammer abstellen kann. Dieses Programm hat noch nie zu einem guten Resultat geführt. Flüchten hat sich noch nie bewährt.

 

Jetzt mal konstruktiv

Also: Lösungen suchen, nicht jammern.

Nachdem ich im Dorf meinen dreipoligen Stecker etwa zehn Leuten erfolglos unter die Nase gehalten habe und in der Bar auch keiner etwas weiss, steht fest:

Hier gibts kein Geschäft, das einen Adapter verkauft. Vielleicht im nächsten grösseren Ort, vielleicht auch nicht.

Ich miete mir ein wunderschönes, romantisches Fahrrad, und das sage ich ja immer: Fahrradfahren macht glücklich. Meine Stimmung ist wieder auf der Höhe. Und weil ich den Ort ja clever gewählt habe, liegt er an diesem einmalig schönen Radweg, von dem ich schon mal geschrieben habe.

Die Suche nach dem Adapter beginnt also damit, dass ich total beschwingt in der Sonne am Meer entlang pedale, vorbei an reich behängten Zitronen- und Orangenbäumen, und mir nicht vorstellen kann, hier je wieder wegzugehen.

Ums kurz zu machen: Ich finde den Adapter in einem „Fai da te“, einem Baumarkt.

Jetzt stell dir meine Glückseligkeit vor, als ich abends meinen Laptop einstecke, und der Strom fliesst. Viel glücklicher macht mich das, als wenn es gleich geklappt hätte. Ich hätte es ja nicht mal bemerkt, was für ein Glück es ist, wenn der Strom fliesst.

Und da ich schon mal glücklich bin, finde ich noch mehr Glück:

  • Weil ich kaum ins Internet komme, lenkt mich nichts ab, und ich arbeite ganz konzentriert.
  • Abends ist die Internet-Verbindung gar nicht so schlecht, da kann ich auch mal etwas nachschauen oder eine E-Mail verschicken.
  • Die unbrauchbaren Kaffeekocher sind der beste Grund, öfter in die Bar zu gehen. Das beschert mir notwendige Pausen und lustige Gespräche.
  • Wenn ich die Fensterläden ganz schliesse und Ohrenstöpsel benutze, schlafe ich auch auf dem durchgelegenem Bettsofa ganz gut.
  • Nach zwei Tagen grüssen mich schon der Barista, der Spaziergänger mit dem Hund, der alte Mann mit der Zeitung, der Focaccia-Verkäufer, die Honigladen-Besitzerin, der Velo-Händler, eine Touristin aus Alexandria und ein paar andere treue Bar-Besucher.

Hätte ich das alles erlebt, hätte ich meinem Flucht-Impuls nachgegeben und wäre nach einem Tag wieder abgereist?

Ich überlege mir schon, wie ich meinen Aufenthalt verlängern könnte.

 

Fehler? Wie sonst soll ich denn lernen?

Ich lerne:

  • Renn nicht gleich davon, wenn etwas Gegenwind bläst. Das ist ein Evergreen mit erstaunlich langer Lebensdauer. Ich fürchte, der hat hier nicht zum letzten Mal seinen Auftritt
  • Nicht alles ist doof, bloss weil es anders funktioniert als zu Hause
  • Auch Digitale Nomadin sein, muss man lernen
  • Prüfe die Stecker deiner Geräte oder nimm gleich einen Adapter mit
  • Frag beim Airbnb nach, ob das WLAN zur Wohnung gehört und wie schnell es ist
  • Lässt du dich auf Neues ein, kriegst du neue Erfahrungen und Bekanntschaften und Geschichten geschenkt
  • Lässt du dich auf Neues ein, dehnt das ganz prächtig deine Komfortzone. Was du davon hast, liest du am besten hier nach
  • Alles ist bereichernder, als mich wieder ins „normale Leben“ einzuordnen
  • Wenn ich dringende Kunden-Aufträge habe, muss die Infrastruktur sicherer sein

Und während ich das schreibe, schickt mir die Sonne ein Meeresglitzern in mein ortsunabhängiges Leben.

 

Fotos: Doro Staub

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Welche Erfahrungen hast du mit dem ortsunabhängigen Arbeiten gemacht? Schreibs mir in einen Kommentar!