Kürzlich in einer übervollen Kantine. Ich finde knapp Platz zwischen zwei Herren kurz vor dem Pensionsalter und einem Paar in ähnlichem Alter.

Sitzt du so nahe an den Nachbarn, lässt es sich nicht vermeiden, dass du Gesprächsfetzen mitkriegst. Ich finde das nicht so schlimm, bekanntlich mag ich Menschengeschichten. Hier gleich zwei davon:

 

Eine Affäre

Das Paar ist lauter, deshalb höre ich zuerst da mit. Der Herr stammt aus Dänemark. Und sie kennt sich da gut aus. Man kann ja dann nicht so hinstarren, aber ich bin neugierig, wie die beiden zu einander stehen.

Zu höflich für ein Liebespaar, zu vertraut für blosse Arbeitskollegen. Der naheliegendste Gedanke: eine Affäre. Eine sich anbahnende Affäre. Wobei: würden sie sich dann so offen in dieser Kantine treffen? Kaum habe ich mich emotional in ihre Geschichte eingearbeitet, erheben sie sich und lassen mich mit den grossen Fragen alleine.

 

Dr. A und Dr. B

Das Gespräch zu meiner Linken bietet nicht ganz so tiefsinnigen Ersatz, ist dafür unterhaltsamer. Du musst noch wissen, dass kurz zuvor die Direktorin der Institution zu den Herren geschritten ist und beiden die Hand geschüttelt hat. Vermutlich zwei Professoren.

“Wann willst du es ihm denn unterbreiten?”, fragt Herr Dr. A. Was? Wem? Ich bin schon ein bisschen neugierig, was die da dealen.

“Na, jedenfalls nicht am WEF. Mich haben sie nicht eingeladen.” Aha, verletzter Stolz. Den Herrn Dr. B hat die Elite also nicht ans World Economic Forum in Davos eingeladen. Hat der das echt erwartet? Scheint ja ein Wichtiger zu sein.

“Da hätte er auch kaum Zeit. Am WEF habe ich noch nie gute Ideen austauschen können, zu viel Rummel. Ich gehe dieses Jahr nicht hin.” A meint: Du bedauernswerte Kreatur, dich haben sie nicht eingeladen, mich schon, aber ich habs nicht nötig, an diesem Anlass teilzunehmen.

 

Brusttrommeln

“Meine Idee ist so viel besser als jene, die Schneider-Ammann jetzt vertritt. Ich muss sie ihm unbedingt bald geben.” Guter Schachzug. B ist zwar nicht ans WEF eingeladen, aber er verkehrt mit unserem Bundespräsidenten. “Ambühl hats ja bestätigt, dass sie geprüft werden muss”, legt er nach. Den kennt er also auch persönlich, den Diplomaten.

“Wann siehst du Johann wieder?“, sagt A. Er ist per Du mit dem Bundespräsidenten. Ob B das auch bieten kann?

„Ich weiss nicht, wann ich noch ein Treffen mit ihm reinschieben kann, das wird eng“, sagt B. Sehr beschäftigt, sehr wichtig.

„Diese Woche sehe ich ihn nicht, sonst hätte ich ihm davon erzählen können.” A gibt wirklich alles, um zu unterstreichen, dass er mit dem Bundespräsidenten vertrauter ist als B.

Langsam muss ich mir das Kichern verkneifen. Im ganzen Gespräch gehts nur darum, wer welchem hohen Tier näher ist, wer in der Hackordnung weiter oben steht. Sie könnten gerade so gut vor die Tür gehen und sich prügeln, um herauszubekommen, welcher der Stärkere ist. Oder die Hosen runterlassen und ihre starken Teile vergleichen. Wie früher im Kindergarten.

Ich habe fertig gegessen und spiele ein bisschen an meinem Telefon herum, um mich nicht des Mithörens verdächtig zu machen.

“Nein, sag Johann auf keinen Fall etwas, ich will ihm das selber geben.” B bereuts jetzt, dass er zuvor mit seiner brillanten Idee angegeben hat. Am Ende verkauft sie A noch als die seinige.

Und passend zu seinem Rückzieher steht er auf.

 

Ego aufplustern

“Kaffee?”, fragt B.

Fast rutscht mir ein “Ja, gern” raus. Aber ich bin nicht gemeint. Die beiden gehen davon, als wären sie alte Freunde.

Wer sagt mir jetzt, wie dieses Duell ausgeht?

Und wer erklärt mir, was die Machtmenschen so toll an diesem Spiel finden? Das Ego aufplustern, bis der eigentliche Mensch, der er ist, verschwunden ist. Bloss um einem anderen aufgeplusterten Ego zu zeigen, dass man besser aufplustern kann?

Was genau bleibt eigentlich dem Sieger, wenn der Mensch wieder hervorkommt und das Ego in sich zusammensackt? Ein bisschen Mensch, mehr nicht.

Oder habe ich da etwas nicht verstanden?

 

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Foto: Gratisography