Willst du in italienischen Zügen dein Fahrrad mitnehmen, musst du es entweder so klein machen, dass es in einen Transportsack passt, oder du darfst nur die Regionalzüge benutzen. Ich gehöre zur zweiten Kategorie und habe gerade auf meiner Sardinienreise wieder meine Erfahrungen damit gemacht.

Falls du dich gerade fragst, wie du dein Fahrrad nach, in und aus Italien heraus transportierst, kannst du dir hier ein PDF herunterladen, das die grundsätzlichen Dinge des Fahrrad-Transports in Italien erklärt.

Hier ein paar Hürden, die dir beim Fahrrad-Transport in italienischen Zügen begegnen können:

Bahnhöfe

Der Bahnhof Genova Piazza Principe bedient täglich massenweise Reisende, darunter auch viele, die auf eine Fähre wollen oder von einer Fähre kommen. Von Algerien, Marokko, Tunesien, Spanien, Sizilien, Sardinien, Korsika. Da gibts in den Sommermonaten täglich bepackte Fahrräder, die auf den Zug müssen. Und Kinderwagen. Und Rollstühle. Schwere Koffer sowieso.

Aber glaubs oder nicht: In diesem Bahnhof gibt es weder eine Rampe noch einen funktionierenden Fahrstuhl, um auf die Bahnsteige zu gelangen. An italienischen Bahnhöfen ist das eher die Regel als die Ausnahme, aber an einem so grossen Bahnhof wie Genova Piazza Principe erstaunts mich doch sehr.

Auf meine Frage nach einem Aufzug, erhalte ich die Antwort:

„Fahrstühle hats schon, aber keiner hat sie bisher zum Laufen gebracht.“
(Stand: Oktober 2015)

Konkret heisst das: Mit dem bepackten Velo die Treppen in die Unterführung runterhoppeln. Das geht noch halbwegs, wenn man den Sattel im Rücken hat und das Tonnengewicht dadurch abbremst. Tritt für Tritt. Eine Rolltreppe nach unten braucht vorerst etwas Mut, geht aber ganz gut. In Genua gibts die aber nur bis in die Mitte. Danach: hoppeln.

Dann die Treppe hoch zum Bahnsteig. Die starken Jungs tragen ihre bepackten Räder als Gesamtladung hoch. Ich schaffs nicht. Also: alles abladen und einzeln hochtragen.

Oben angekommen: alles wieder beladen, weil man sehr schnell sein muss, wenn der Zug einfährt, weil:

Züge

Auf dem Bahnsteig

Unsplash_Bahnsteig

Die Regionalzüge haben jeweils einen Wagen für Fahrräder. Von aussen mehr oder weniger gut erkennbar. Und praktisch immer zuhinterst oder zuvorderst im Zug. Bloss kann niemand voraussagen, an welchem Ende des Zuges der Wagen sein wird, das siehst du erst, wenn der Zug einfährt, sofern du es dann siehst.

Eben. Jetzt stehst du also mit dem bepackten Velo auf dem Bahnsteig und niemand kann dir sagen, ob der Velo-Wagen zuvorderst oder zuhinterst sein wird. Fährt der Zug ein, musst du extrem schnell sein, weil du zuerst den Fahrrad-Wagen finden und in den allermeisten Fällen das Rad wieder entladen musst, weil der Einstieg zu steil und/oder zu schmal ist, um mit der ganzen Fuhre bequem einzusteigen. Wagen, in die man ebenaus hineinfahren könnte, existieren (siehe Beitragsbild oben), aber die habe ich bisher nur in seltenen Glücksfällen erwischt.

Gut, Zug eingefahren, du stehst vor dem Fahrrad-Wagen. Die übrigen Passagiere sind längst eingestiegen und du hievst die vier Taschen in den Zug, das Velo steht noch immer draussen. Ist die Tür so steil und schmal wie in unseren uralten Zügen (du erinnerst dich?), kann ich das Rad schlicht nicht alleine einladen, wir passen nicht gemeinsam durch die Tür oder meine Beine sind zu kurz oder die Arme zu schwach oder was weiss ich – es geht einfach nicht.

Habe ich Glück, hilft mir jemand. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass alle geguckt und keiner geholfen hat. Das ist aber selten. Im besten Fall sind andere Radfahrer zur Stelle, die die Probleme kennen und tüchtig anpacken.

 

Im Fahrrad-Wagen

Hier herrscht oft Chaos. Mit Rädern überfüllt. Oder mit Koffern. Oder mit Menschen, die sonst keinen Platz gefunden haben oder Ruhe suchen.

Das Velo im Fahrrad-Wagen reisesicher festzumachen erfordert eine gewisse Kreativität, weil selten Haken oder ähnliche Vorrichtungen vorhanden sind. Das ist aber nicht mehr so dramatisch, immerhin bist du jetzt im Zug.

 

Capotreno

Der italienische Zug ist das Königreich des Capotreno. Der Zugchef regiert, und von seinem Goodwill hängst du ab. Entsprechend kann die Zugfahrt gut kommen oder weniger.

Dazu zwei Müsterchen:

Szene 1: Die Schikane (Oristano-Cagliari)

Ein Minizug, zwei Wagen, kein Velo-Wagen sichtbar. Ein Bahnhofs-Mitarbeiter zeigt auf eine verschlossene Tür, da wäre das Fahrrad-Abteil, aber ich solle in der nächsten Tür einsteigen. Aus irgendwelchen Gründen steht eine Unmenge von Polizisten herum. Und weil ichs heute wieder mit einem schmalen, steilen Eingang zu tun habe, den ich alleine gar nicht bewältigen kann, helfen sie mir grosszügig. Eigentlich muss ich fast gar nichts mehr tun, sehr komfortabel.

Kaum steht Sack und Pack im Zug, baut sich ein schlecht gelaunter Capotreno vor mir auf.

 

Das Fahrrad stört hier. Du musst es dorthin stellen.“ Er deutet auf das Abteil, wo ich wegen verschlossener Tür nicht hatte einsteigen können. Es ist durch den schmalen Gang zwischen den voll belegten Passagiersitzen zu erreichen.

„Da wollte ich vorher einsteigen, aber die Tür ist geschlossen. Ich bleibe hier und sorge dafür, dass das Fahrrad niemanden stört.“

„Nein. Das Fahrrad muss in das Abteil da hinten. Es stört hier.“

„Es passt leider nicht durch den Gang.“ Ich führe vor, dass mein Lenker breiter ist als die Tür. Zugegeben, mit etwas Lenker-Einschlag und Wille würde es schon gehen.

Es stört hier. Es muss in das Abteil da hinten.“ Mir scheint, als steckten wir an diesem Punkt fest. Er ist offensichtlich nicht verhandlungsbereit. Ich auch nicht, weil es reine Schikane ist.

„Die Fahrt ist eine Stunde, da kann ich es gut halten, so dass es niemanden stört. Das habe ich schon oft so gemacht.“ Das stimmt.

„Nein. Das Fahrrad muss in das Abteil da hinten.“ Sein letztes Wort. Der Capotreno geht. Gut. Ich werde hier stehen bleiben.

Zwei Polizisten stehen auch im Zug und schauen mich erwartungsvoll an.

„Ich bleibe hier“, stelle ich nochmals klar.

„Du solltest es wegstellen, wenn er es sagt.“ Aha, die Polizei ordnet sich König Capotreno unter.

Währenddem ich verdutzt gucke, passiert etwas Gutes: Der eine Polizist nimmt mein Velo und hievt es durch den Gang. Mit etlicher Mühe, muss man jetzt schon noch sagen. Und die Passagiere müssen wegrücken und die Köpfe einziehen und anpacken und die Tür aufhalten. Ein Gemeinschaftswerk, bis mein Velo endlich da steht, wo es der Capotreno angeordnet hat.

Ich wanke mit dem Gepäck hinterher und bedanke mich bei meinem Helfer, der sich noch liebevoll darum kümmert, dass das Rad sicher steht bei der ruckligen Fahrt.

Die Fahrt geht problemlos über die Bühne. Wir fahren in Cagliari ein, und es passiert, was ich erwartet habe:

Alle steigen aus und ich warte ab, bis mir jemand diese verschlossene Tür öffnet. Ich vermute schon, dass ich den König nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Aber doch, da kommt er, will sich gerade aus dem Staub machen.

„Könnten Sie mir bitte noch die Tür öffnen?“

„Ah, das Fahrrad. Nein, die Tür ist geschlossen.“ Und geht.

Du kannst dir vorstellen, wonach mir in dem Moment ist.

Und wieder: der Polizist. Erfasst die Situation, befreit mein Fahrrad, schenkt mir sogar noch ein Lächeln und gesellt sich zu seinen Kollegen.

Mehr als Danke fällt mir nicht ein. 

 

Szene 2: Kein Capotreno (Voghera)

Ab Genua gibts eine Handvoll Regionalzüge nach Milano. Die direkten gehen morgens kurz vor 8 Uhr, um 13.43 Uhr und noch einer um 19 Uhr. Wenn die Fähre morgens um 8.30 Uhr ankommt, bietet sich eine akzeptable Variante um 12.06 Uhr mit Umsteigen in Voghera an.

Ivan, ein 70-jähriger Tscheche mit seinem Tourenrad ist auch auf diesem Zug. Ein sehr freundlicher Capotreno hilft uns, unsere Velos zu platzieren. Beim Aussteigen in Voghera packt er sogar noch mit an.

In Voghera haben wir 25 Minuten Zeit, den Bahnsteig zu wechseln. Klar, kein Fahrstuhl, keine Rampe, nur Treppen. Soweit alles gut.

Unser Anschlusszug fährt pünktlich ein. Wir stehen zuvorderst, der Velowagen ist zuhinterst. Also rennen wir dem Zug entlang, machen uns zum Einsteigen im hintersten Wagen bereit. Ein junges Paar vor uns will gerade seine Koffer in den Eingang hieven, da geht die Tür zu.

Du weisst auch, was dieser Alarmton bedeutet, wenn die Türen schliessen, ja? Richtig: die Türen werden nicht mehr öffnen. Und so ist es auch. Weit und breit kein Capotreno, der sonst das Zeichen zur Weiterfahrt gibt. Alles Hebeln und Winken und Lärmen nützt nichts. Der Zug bleibt noch 10 Sekunden mit verschlossenen Türen stehen, dann fährt er los. Ohne uns.

Ich nehme an, der Capotreno sitzt schlafend im Zug und kriegt nichts mit.

Unser Zug fährt davon, der eisige Wind bläst uns zum Abschied ins Gesicht. Nächster Zug in einer Stunde. Immerhin. Es hätte schlimmer sein können. 

Den nächsten Zug erobern wir wild entschlossen und erfolgreich. (Und abends um 22 Uhr bin ich endlich zu Hause. Nach 30 Stunden Reise).

 

Fazit

Ich beginne mir zu überlegen, ob ich das nächste Mal fliegen soll. Fliegen an sich mag ich schon nicht. Und das fluggerechte Verpacken des Velos schreckt mich ab. Ganz zu schweigen von meinem ökologischen Gewissen. Aber immerhin ist ein Flug nach Italien rasch vorüber.

Echt, ich überlegs mir.

Fahrrad im Flugzeug mitnehmen?