Rita Schüpbach radelt nicht nur in Italien, sondern weltweit. Sie ist unter anderem von der Schweiz in die Mongolei und wieder in die Schweiz geradelt, hat Neuseeland, Australien und Japan befahren und viele Länder mehr.
Im Gespräch wollte ich von Rita wissen, wie es dazu gekommen ist, dass sie so ganz alleine durch die Welt radelt und wie sie solche Langzeitreisen plant, organisiert und auch finanziert. Und wie sie es mit der Angst hat…
Gespräch mit Rita – Video
Das Gespräch kannst du auf YouTube anschauen. Oder du liest es weiter unten.
Gespräch zum Lesen
Doro: Wir haben uns im Herbst 2020 kennen gelernt, als du bei uns in Piacenza Warmshowers-Gast warst. Welche Tour hast du da gemacht?
Rita: Es war die erste Tour nach der Covid-Schliessung. Da habe ich den Zug nach Mailand genommen, und von dort bin ich ziemlich schnell an die Küste geradelt, habe noch die Cinque Terre besucht – das erste Mal – dann ging die Tour weiter nach Pisa, und dann musste ich wieder nach Norden, weil die Tour schon bald zu Ende war.
Das war einfach so ein Kurzurlaub, der mich durch Piacenza geführt hat und mir die Gelegenheit gab, eure Gastfreundschaft zu geniessen.
Erste Radreisen
Wie hat das angefangen mit deinen Radreisen?
Die ersten Radreisen machte ich schon als Teenager im Simmental und der näheren Umgebung, aber das zähle ich noch nicht zu den Radtouren, wie ich sie jetzt mache. Das Radreisen habe ich erst vor 10 Jahren so richtig begonnen.
Ich habe klein angefangen, Wochen-Touren in Frankreich oder ähnlich. Dann habe ich ein bisschen ausgeweitet und alle Ferientage, die ich zusammenkriegen konnte, in Fahrradtouren gepackt.
Die Tour, die mir dann den Ärmel so richtig reingezogen hat, das war in Irland. Da bin ich auch zum ersten Mal geflogen mit dem Fahrrad. Irland hat mir dann so gut gefallen, dass ich seither meine Ferien vorwiegend radelnd verbringe.
2017 hatte ich wieder mal genug von meinem Job und kündigte. Das sind die Momente, die ich gerne nutze, um eine grössere Tour zu machen, und damals habe ich dann meine Freunde in der Mongolei besucht. Ich habe ihnen gesagt: “Es dauert aber eine Weile, bis ich bei euch bin.”
So bin ich von der Schweiz in die Mongolei gefahren, und auch den Rückweg habe ich zum Teil mit dem Rad zurückgelegt. Da war ich fast 2 Jahre unterwegs. Und für mich war das die beste Zeit meines Lebens. So lange als Radreisende unterwegs zu sein, sich als Radreisende zu fühlen, und nicht nur Ferien zu machen und eine Art Leben A daneben zu haben, sondern wirklich als mein derzeitiges Leben so zu fühlen. Das war wirklich sehr schön.
Tja, und wenn man mal so etwas Schönes erlebt hat, will man es wieder erleben, und deshalb bin ich jetzt wieder auf Tour, seit August 2023 bin ich unterwegs, war in Neuseeland, Australien, Japan und bin kürzlich nach Schottland gekommen, bin wieder in Europa, denn ja… Ich muss schon langsam wieder daran denken, dass auch diese Tour zu Ende geht, und deshalb bin ich jetzt wieder hier und werde dann nach dem Sommer zurück in die Schweiz fahren.
Geld und Zeit für eine Langzeitradreise
Wie machst du das finanziell und warum hast du so viel Zeit?
Wenn ich so lange Touren mache, kündige ich den Job. Und wenn ich zurückkomme, muss ich schauen, dass ich wieder einen Job kriege. Ich bin da auch privilegiert, weil ich einen Job habe, in dem viele Personen gesucht werden. Dann mache ich es so, dass ich wieder 4-5 Jahre arbeite, viel arbeite, Geld auf die Seite lege, so dass ich, wenn ich wieder mal kündigen will, genug auf der Seite habe, um wieder ein Radreise-Jahr oder zwei finanzieren zu können.
Was ich dazu auch sagen muss: für mich ist das Leben als Radreisende meist billiger als das Leben in der Schweiz. Nur schon die Wohnung, die ich bezahlen müsste… meine Übernachtungen als Radreisende sind immer billiger.
Wie war das in Japan – auch ein eher teures Land, oder?
Es kommt natürlich auch auf den Reisestil an. Ich habe das Zelt dabei. Etwa ein Drittel bis die Hälfte der Nächte verbringe ich im Zelt, das ist meistens gratis.
Dann nutze ich Warmshowers und Couchsurfing, das ist meist auch fast gratis, obwohl ich dann gerne meine Gastgeber zu einem Abendessen einlade oder so. Aber das ist sicher billiger als in einem Hotel zu sein.
Und sonst übernachte ich auch mal in einem Hotel oder Hostel, aber auch da gehe ich natürlich nicht in ein luxuriöses Haus, das bringt mir nichts. Ich muss ja einfach irgendwo schlafen. Es ist mir wichtiger, genug Geld zu haben, um länger unterwegs sein zu können.
Für mich war es immer recht anstrengend, bei anderen Menschen zu übernachten. Für dich nicht so?
Es kommt immer sehr aufs Land an. Z. B. in Japan gab es gar nicht viele Warmshowers, das ist nicht so bekannt dort. Da habe ich überall, wo es jemanden hatte, angefragt und auf eine Zusage gehofft, denn es ist ja viel mehr als gratis übernachten.
Bei Warmshowers und Couchsurfing gehts ja vor allem darum, in den Austausch mit Menschen vom Ort zu kommen. Das ist mir sehr wichtig. Das habe ich in Japan vermisst, denn die Warmshowers und Couchsurfers sind auch jene, die eher Englisch sprechen, und Leute auf der Strasse sagen dann eher: ich spreche kein Englisch. In Japan war das jedenfalls so.
War es in Japan eher schwierig, mit Leuten ins Gespräch zu kommen?
Ja. Ich habe zwischendurch gedacht: Ich möchte mich gerne wieder mal mit jemandem richtig austauschen und meine Fragen stellen und meine Beobachtungen abgleichen können. Nach 1-2 Monaten merkte ich, dass es mir fehlte.
Japaner lernen zwar Englisch in der Schule, aber sie haben den Anspruch, perfekt sprechen zu müssen, und darum sagen sie lieber, sie sprechen kein Englisch als Fehler zu machen, was sehr schade ist.
Ab und zu habe ich trotzdem jemanden gefunden, bei dem ich via Warmshowers übernachten konnte.
Vor 10 Tagen bist zurück nach Europa gekommen. Kannst du diese Reise schon einordnen?
Im Moment fühlt sich Japan schon sehr weit weg an. Aber auch dadurch, dass ich wieder an einem neuen Ort bin und nicht nach Hause gegangen bin. Ich bin wieder inspiriert von diesen neuen Orten und Menschen und tauche ein, und darum ist die Erinnerung fast schon wieder zu weit weg jetzt.
Aber wenn ich irgendwann wieder ein Zuhause und einen Alltag habe, werde ich mit vielen Erinnerungen zurück denken.
Zwischen-Zuhause auf einer Langzeitreise
Du hast gesagt, dass du auf einer grösseren Reise zwischendurch auch immer wieder mal ein Zuhause brauchst. Wie machst du das jeweils?
Ich mache jetzt ein Haussitting. Ich schaue da zu einer Katze, während die Besitzer im Urlaub sind. Ich finde das eine hervorragende Idee, eine Win-Win-Situation.
Ich habe das noch nicht lange auf dem Radar, ein Warmshower hat mir davon erzählt. Und dann habe ich das im Januar in Neuseeland mal gemacht und jetzt hier in Glasgow.
Im Moment ist es für mich sehr sinnvoll, weil ich von Japan aus die Route hier in Europa noch nicht planen konnte. Ich wollte noch voll dort sein und nicht bereits wieder die Karte von Schottland studieren, und deshalb ist es genial, dass ich jetzt diese ersten 10 Tage meinen Haussit hier habe. So habe ich ein Dach über dem Kopf, und der Regen macht mir nicht so viel aus. Ich habe Internet und Zeit, um mich mit Karten und interessanten Orten und Sehenswürdigkeiten und allem, was ich dann anschauen gehen möchte, zu beschäftigen.
Wild campieren
Wenn du mit dem Zelt unterwegs bist, übernachtest du wild?
Ich mag Campingplätze nicht so sehr. Ich weiss, dass es in vielen Ländern nicht wirklich legal ist, aber ich hinterlasse den Ort immer, wie ich ihn angetroffen habe. Hier in Schottland ist das Wildcampen legal, und ich freue mich schon sehr darauf.
Das Übernachten im Zelt ist für mich gerade so wichtig wie das Radfahren selbst. Ich habe die schönsten Momente, wenn ich an so einen wunderbaren Ort komme, möglichst einsam, vielleicht an einer Küste mit einem schönen Blick. Wenn ich dort mein Zelt aufstellen und noch etwas davor sitzen kann, ist das für mich das Schönste.
Angst auf einer Radreise
Das klingt wunderschön, aber ich habe trotzdem Angst beim Wildcampen.
Vorwiegend vor Tieren. Vor dem Bär 🙂 Obwohl ich ja weiss, dass die Wahrscheinlichkeit extrem klein ist, dass ich von einem Tier nachts angegriffen werde. Es ist mehr ein diffuses Gefühl. Natürlich auch vor Menschen, die da nachts rumschleichen könnten. Die sind ja meistens gefährlicher als die Tiere.
Ja, diese Frage mit der Angst ist unter den 3 häufigsten Fragen, die ich bekomme. Wenn ich zurück frage, wovor sie denn Angst haben, dann ist es eben so ein “hm, ja, die bösen Menschen, die wilden Tiere”.
Ich bin von Natur aus nicht so ängstlich. Und ich habe in diesen 10 Jahren Radreisen so viele Erfahrungen gesammelt, und die waren alle positiv. Es ist mir noch nie etwas passiert beim Wildzelten. So habe ich so eine Art Vertrauen in mich, dass ich ein gutes Gespür habe, wo ich mein Zelt aufstellen darf und kann. Mit der Zeit bekommt man schon einen Blick dafür. Und ich habe auch gelernt, auf mein Bauchgefühl zu hören.
Wenn ich an einen Ort hinradle, setze ich mich zuerst hin und versuche erst einmal, diesen Ort wahrzunehmen, und wenn da viele Menschen durchgehen, überlege ich, ob die in der Nacht wohl auch durchkommen, denn sie haben mich ja jetzt gesehen. Wenn es mir zu viel wird, und wenn ich fühle, dass es kein guter Ort ist, fahre ich weiter. Aber das kommt sehr selten vor. Ich finde immer ein Plätzchen.
Früher dachte ich noch: entweder sehen mich alle oder es sieht mich niemand. Jetzt sehe ich das schon viel entspannter. Auch wenn mich 2-3 Menschen gesehen hätten, wäre es ein totaler Zufall, wenn die mir etwas Böses tun wollten. Das ist meine Erfahrung.
Die allermeisten Menschen wollen nichts Böses. Sie sind eher hilfsbereit und freundlich.
Diese Idee, dass da viele Menschen sind, die etwas Böses wollen, das kommt eher aus den News. Wenn man die Welt aus dem Fernsehen kennt, dann hat man Angst, da raus zu gehen. Da sieht man so viele schlimme Sachen, die passieren und man hört über Kriminalität. Aber wenn man raus geht und die Welt zum Beispiel mit dem Rad erfährt, dann trifft man ganz viele freundliche, interessierte, neugierige Menschen, die einem helfen wollen und nicht schaden.
Ja, das ist auch meine Erfahrung. Ganz viel von dieser Angst kommt eben aus der mangelnden Erfahrung. Auch ich hatte vor meiner ersten Solotour die wildesten Fantasien, was mir alles geschehen könnte unterwegs. Überfälle, Unfälle, Pannen, Krankheit usw. Tatsächlich bekommt man unterwegs dann aber so ein Gefühl, wo man bleiben kann und wo nicht. Es ist vorgekommen, dass ich an einem Ort Pause machen wollte und merkte: das ist kein guter Ort hier. Dann bin ich halt weiter gefahren. Es gibt so ein gutes Gefühl zu merken, dass mit der Erfahrung die Antennen immer feiner werden und dass sie mir schon Bescheid geben werden, wenn etwas nicht stimmt.
Für alle, die vor ihrer ersten Reise stehen und von solchen Ängsten geplagt werden, würde ich sagen: mit dem Losfahren werden diese Ängste weniger.
Ängste kann man auch rational überprüfen. Also, was könnte jetzt passieren? Gibt es hier Bären? Nein, gibt es nicht. Gibt es hier Schlangen? Vielleicht, aber ich bin ja vorher so laut hier herumgetrampelt, alle Schlangen sind jetzt weg.
Auf diese Weise kann man erkennen, dass gewisse Ängste nicht gerechtfertigt sind. Ich habe sie zwar, das ist ja auch ein Schutzmechanismus, aber ich muss sie eigentlich jetzt nicht haben.
Wenn ich jetzt hier übernachten will, muss ich diese Angst überwinden und je häufiger man das macht, desto eher macht man positive Erfahrungen und man merkt, es geht ja, und ich muss diese Angst nicht haben.
Ich war einfach nie gewillt, meine Ängste so stark leitend werden zu lassen, dass ich Dinge nicht mehr machen kann, die ich eigentlich machen will.
Oh ja, viele gehen nicht los, weil sie sich von solchen Ängsten zurückhalten lassen, und das ist so schade.
Es gibt ja auch noch andere Gründe, vor einer Radreise Angst zu haben. Für viele ist es auch der Verkehr. Wie ist das bei dir?
Ja, vor dem Verkehr habe ich manchmal auch Angst. Es gibt schon so Momente, wo mein Herz dreimal so stark schlägt, und ich denke “Das war jetzt knapp!”, und tatsächlich sollte ich jeden Abend dankbar sein, dass ich keinen Unfall hatte.
Aber das ist nicht nur für uns Radreisende so, sondern auch im Alltag – diese Gefahren sind halt da.
Sorgen sind keine Ängste
Gibt es sonst etwas, was dich immer wieder erschreckt oder verängstigt?
Nein. Ich habe fast keine Ängste mehr, ausser eben vor Autos und Lastwagen – aber ich mache mir immer wieder mal Sorgen. Das ist nicht das gleiche. Ich mache mir Sorgen, ob ich einen guten Übernachtungsplatz finden werde oder ob das Wetter hält oder ob ich dann in der Kälte schlottere, weil ich ganz nass bin.
Dinge, die ich lieber nicht erleben möchte, die mein Komfortempfinden sehr herausfordern, aber das sind eigentlich nicht Ängste. Auch dort kann ich mir dann wieder ganz vernünftig sagen: diese Sorgen sind nicht nötig. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass du nass wirst oder keinen schönen Platz zum Übernachten findest, aber das ist ja auch nicht so tragisch.
So spannend, diese Unterscheidung zwischen Ängsten und Sorgen. Gerade diese Sorge vor schlechtem Wetter, die ist ja so unnütz – ich kenne sie auch bestens.
Ja, das ist etwas, was ich fast nicht abstellen kann.
Alleine oder zu zweit unterwegs?
Es gibt ja auch Dinge, bei denen die Sorgen etwas abnehmen, wenn man zu zweit ist. Zum Beispiel beim Suchen eines Übernachtungsplatzes, da bin ich zu zweit wesentlich entspannter. Du hast explizit gewählt, dass du alleine reist?
Am Anfang nicht unbedingt. Da war es so gegeben, weil ich im Freundeskreis niemanden hatte, der/die auch mit dem Fahrrad an den gleichen Ort reisen wollte wie ich. Mit der Zeit habe ichs auch schätzen gelernt. Ich finde, das Alleinereisen hat durchaus seine Vorteile. Ab und zu bin ich auch mit anderen Menschen unterwegs, aber nicht so lange. Und dann bin ich gerne wieder alleine.
Es muss sehr vieles zusammenpassen, wenn man zusammen eine Radreise macht. Weil auch noch der physische Rhythmus hinzu kommt. Aber auch alles andere muss gut zusammenpassen. Ich finde es schwierig, jemanden zu finden, mit der oder dem ich wirklich lange unterwegs sein könnte.
Ja, ich kenne auch beides. Und beides hat seine Vor- und Nachteile. Das Schwierigste am Radreisen zu zweit finde ich, dass ich nicht dann anhalten kann, wann ich will oder nicht so oft. Alleine bin ich sehr viel langsamer, ich halte viel öfter an, um ein Foto zu machen oder trinke einen Kaffee mehr, wenn ich zu zweit eher durchziehe.
Ja, das ist auch meine Erfahrung, das stimmt. Vielleicht gehts ja dem anderen auch so?
Oh ja, das ist gut möglich…
Was ist eigentlich das, was du am allermeisten liebst an diesen Radreisen?
Die Selbstbestimmung. Die Freiheit. Klingt vielleicht etwas klischeehaft, aber Radfahren alleine bedient das Freiheitsbedürfnis. Ich fühle mich unterwegs wirklich ganz frei. Ich kann anhalten, wann ich will, auch wenn es erst Mittag ist und ich erst wenige Kilometer gefahren bin.
Fernradreise planen
Machst du Pläne?
Ja, ich plane meine Route voraus. Ich will mich mit den Ländern, in die ich fahre, auch befassen. Ich finde das wichtig.
Auch wenn man in fremde Kulturen geht, dass man nicht total naiv daherkommt und dann erst im Land selber merkt, oh, da funktioniert vieles ganz anders. Das ist das eine.
Aber ich will auch an Orte reisen, die für mich schön sind. Manchmal ist es Sightseeing, manchmal sind es auch Landschaften, die ich gern sehen will.
Und dann kommt auch eine detaillierte Planung hinzu: wo kriege ich da wieder Nahrungsmittel, wo kann ich einkaufen, wo ist Wasser? Das war zum Beispiel in Australien eine Knacknuss. Manchmal auch das Übernachten.
Wenn ich sehe, dass 3 Tage Regenwetter vor mir liegen, will ich auch irgendwo rein. Dann schaue ich, dass ich in ein Dorf oder Städtchen komme, wo es Übernachtungsgelegenheiten gibt.
Da ist sehr viel Planung dabei, aber immer so, dass ich es auch anders machen könnte. Gerade Hotels buche ich nicht Wochen voraus, das würde mich viel zu sehr einengen. Das mache ich höchstens einen Tag vorher.
In der Mongolei oder auch in Australien hattest du tagelang “nur” Landschaft und sonst nichts?
Ja, ich liebe das. Aber damit ich es geniessen kann, muss ich schon wissen, wo die nächste Einkaufsmöglichkeit für Wasser und Essen ist.
Ich hatte damals auf der Reise in die Mongolei, in Turkmenistan, gemerkt, dass es auch zu einsam sein kann für mich. Dass es mich dann auch wieder einengt diese Weite. Da fühlte ich mich nicht wirklich wohl. Da kommen pro Tag nur 10 Autos vorbei. So habe ich mir dann gesagt, dass ich nicht durch Kasachstan radeln “muss”. Ich habe mir das selber erlaubt, dass ich das nicht mit dem Fahrrad machen muss, und ich glaube, es war eine gute Entscheidung damals.
Ich habe einen Teil von Kasachstan mit dem Zug zurückgelegt, weil ich wirklich nicht abschätzen konnte, was wie überhaupt noch existiert, was auf der Karte eingezeichnet war. Ich habe das dann aus dem Zugfenster genossen.
Das kann ja echt ein böses Erwachen sein, wenn du nach 3 Tagen Radeln an einem Ort ankommst und merkst, dass es hier nichts zum Einkaufen gibt. Ist dir sowas mal passiert?
Nein. Es passiert mir eben nicht, weil ich gut plane. Und das ist schon eine Art Sicherheitsbedürfnis, das ich habe.
Es gibt schon Radreisende, die so abenteuerlustig sind, dass sie das alles vorher nicht so gut anschauen, und dann plötzlich in einer schwierigen Situation stranden. Auch für sie gibt es ja dann irgendwie eine Lösung.
Das ist auch meine Erfahrung: es gibt immer eine Lösung.
Aber ich habe den Anspruch an mich, dass ich nicht total naiv in solche Situationen hinein gehe und dann die Hilfe anderer brauche. Wenn es mal so weit kommt, nehme ich die Hilfe sehr gern an, aber dann will ich für mich denken können, ich habe es nicht herausgefordert, ich habe nicht leichtsinnig schlecht geplant. Ich will von mir eher denken, dass ich das verantwortungsvoll mache. Natürlich kann auch so etwas passieren, dass ich die Hilfe anderer annehmen müsste.
Technik und Pannen
Zum Beispiel eine technische Panne?
Naja, auch da: ich habe mich vor meinen langen Reisen darum gekümmert.
Ich war 2 Wochen bei einem Fahrrad-Mechaniker in der Anlehre sozusagen.
Und ich mache Freiwilligenarbeit bei Velafrica, was mir viel Sicherheit gibt.
Ich kann nicht alles reparieren, aber die wichtigsten Dinge. Ich kann es wenigstens probieren, dieses Selbstvertrauen habe ich. Und ich habe ein sehr gutes Fahrrad. Das ist zwar schon alt, aber ich hatte auch in den letzten 10 Monaten nicht mal einen platten Reifen.
Nochmals zurück zu den 3 häufigsten Fragen, die dir gestellt werden. Die erste ist: Hast du keine Angst. Welche sind die 2 anderen?
Die erste Frage, die eigentlich immer kommt, ist: Wo kommst du her? Und das ist manchmal gemeint im Sinne von: welche ist deine Nationalität, und manchmal wo bist du heute gestartet?
Und dann: Bist du alleine unterwegs?
Und bei mir kam dann oft noch die Frage: hast du einen Motor?
Ah ja, das kommt sicher immer häufiger.
Als Frau alleine unterwegs
Ich werde auch öfter gefragt: wo ist dein Mann? Unterschwellig ist da ja auch mitgemeint: merkwürdig, dass du als Frau alleine unterwegs bist.
Ich bin der Auffassung, dass es nicht so ein grosser Unterschied ist, ob man als Frau oder als Mann alleine unterwegs ist. Viele Dinge, die auf uns projiziert werden, wenn wir als Frau alleine unterwegs sind, also z. B. “Hast du nicht Angst?”, sind in der Gesellschaft so stark verankert, aber eigentlich müsste das nicht so sein.
Eigentlich müssten wir Frauen nicht mehr Angst haben als Männer. Wir müssen nicht vorsichtiger sein als Männer. Die erleben auch Unfälle und solche Sachen.
Wie die Aussenwelt auf uns reagiert, hat sicher auch mit dem Geschlecht zu tun, aber da kommt es eben auch sehr darauf an, wo man unterwegs ist. Es gibt Kulturen, da muss man sich als Frau – aber eben auch als Mann – sicher bewusst sein, was wir aussenden, wenn wir so daherkommen.
Ich versuche mich immer dem Land anzupassen und nicht noch mehr aufzufallen, als ich es sowieso tue.
Es könnte ja auch provozieren, wenn ich zum Beispiel unangemessen gekleidet bin.
In Europa finde ich es manchmal auch noch schön, wenn ich irritierend wirke. Dann müssen sie sich etwas überlegen. Sie machen sich dann Gedanken: “Was macht die? Das ist ja interessant.” Das finde ich noch spannend. Aber in anderen Kulturen, wo ich total fremd bin, möchte ich möglichst nicht irritieren und nicht provozieren.
Siehst du dich auch ein wenig als Botschafterin fürs Fahrrad?
Nein. Ich bin zwar eine begeisterte Radfahrerin, auch im Alltag in der Schweiz. Ich finde, das Rad würde viele Probleme unserer Zeit lösen. Aber nicht alle Menschen müssen Radreisen machen. Das sollen nur die machen, die daran Freude haben. Dazu möchte ich nicht unbedingt inspirieren.
Hingegen dass mehr Menschen im Alltag vom Auto aufs Fahrrad umsteigen, da würde ich gerne mithelfen.
Tipps für Radreise-Einsteiger*innen
Welche Tipps würdest du jemandem mitgeben, der/die noch nie auf einer Radreise war, aber gerne starten würde?
Fang klein an: Man muss nicht mit einer Weltreise starten. Ich glaube, das ist für die meisten eine Überforderung. Gerade wenn man Ängste hat, ist es ideal, das Radreisen erst einmal in der eigenen Region auszuprobieren. Wo man etwa einschätzen kann, wie die Menschen auf einen reagieren. So kann man Erfahrungen sammeln, und das sind dann eben meistens positive Erfahrungen, die helfen, dieses Vertrauen aufzubauen.
Warte nicht auf den richtigen Moment – der kommt nicht. Man hat dann immer eine Ausrede. Ich kann das nicht, weil ich keinen Reisepartner habe, oder weil ich ja schliesslich einen Job habe oder … irgendetwas kommt immer dazwischen. Wenn man es wirklich machen möchte, findet man einen Weg, auch wenn der Moment nicht richtig scheint.
Gutes Material hilft auf jeden Fall. Ein gutes Fahrrad mit guten Komponenten, die nicht auseinander fallen, wenn man auch mal auf holprigem Untergrund fährt.
Sich mit der Technik befassen, damit man wenigstens weiss, wie man einen platten Reifen flickt. Oder sonst in Regionen reisen, wo Fahrrad-Läden und Mechaniker*innen gut erreichbar sind.
Körperliche Vorbereitung
Findest du, man sollte sich auch körperlich vorbereiten? Wenn jemand nicht so sportlich ist und möchte z. B. eine Runde in Italien fahren. Sollte man sich da körperlich fit machen?
Nein, finde ich nicht. Man muss einfach den Fahrstil anpassen. Man sollte dann eben nicht 100 km pro Tag planen, sondern man fängt dann vielleicht lieber mit 50 an. Man muss sich auch die Steigungen anschauen. Man kann auch mit wenig Fitness weit kommen. Das Fahrrad trägt ja zum Glück unser Gepäck, das ist sehr hilfreich. Und wenn man langsam und stetig geht, kommt man weit. Aber man darf sich einfach nicht überfordern. Das ist, was ich gemeint habe mit “klein anfangen”. Erst einmal schauen, wie es geht, und dann anpassen.
Ja, das möchte ich auch nochmals unterstreichen. Es ist so wichtig, dass man sich in den ersten paar Tagen nicht überfordert, nicht gleich einen Pass fährt, so dass der Körper komplett erledigt ist. Dann muss nur noch etwas Regen dazu kommen, und dann ist das Projekt “Radreise” für immer erledigt. Das wäre total schade.
Wichtig ist auch, dass man auf dem Fahrrad total wohl ist. Auch dass der Sattel stimmt, weder zu weich noch zu hart. Ich nehme deswegen immer mein Fahrrad mit. Ich habe noch nie irgendwo für eine Tour ein Fahrrad gemietet. Ich will mein Rad dabei haben, das zu mir passt.
Das Radreisen als Ganzes ist erlernbar. Und man wird von Reise zu Reise besser. Man wird sicherer, man entwickelt sich weiter, man entwickelt sein Material weiter, bis man das Gefühl hat, es stimmt jetzt für mich.
Ja, zum Beispiel auch das Essen. Anfangs habe ich noch so richtig zu Mittag gegessen, so dass ich am Nachmittag manchmal kaum mehr fahren konnte. Heute sind das eher so kleine Snacks wie Kekse oder Salziges. Das ist aber so individuell. Für jemand anderes sind solche Berge von Käse und Brot über Mittag vielleicht genau das Richtige. Das muss eben jeder für sich herausfinden.
Das liebe ich so, wenn ich andere Radreisende treffe und mich mit ihnen austausche. Sie sind zwar am gleichen Ort unterwegs wie ich, aber dann sehe ich, dass man es so anders machen kann. Man muss einfach den eigenen Stil finden.
Was möchtest du den Miss Move-Leserinnen zum Schluss noch mitgeben?
Das Bauchgefühl ist sehr wichtig. Ich entscheide vieles mit dem Bauch und habe damit gute Erfahrungen gemacht und merke auch, dass ich darauf vertrauen kann.
Danke herzlich, liebe Rita, für das super spannende Gespräch!
Leave A Comment