Eigentlich war der Plan ganz anders. Monatelang ausgeheckt, verfeinert, geändert, neu ausgerichtet. Es ist sonst gar nicht meine Art, so genau zu planen, aber dieses Mal wars mehr eine Geschäftsreise, darum diese Planerei. Und dann kams eben anders. Wie so oft, wenn man plant. Ein Bericht über mein kleines Abenteuer in Italien in Zeiten des Coronavirus.

Nach Sizilien an die TBEX

Warum ich nach Sizilien reiste, obwohl der Coronavirus bereits seit zwei Wochen in Norditalien wütete: wegen der TBEX Europe (Travel Blog Exchange). Das ist die grosse Reiseblogger-Konferenz, die seit Jahren von Amerikanern organisiert wird und alle zwei Jahre auch in Europa stattfindet. Dieses Jahr eben in Catania, Sizilien.

Kurz vor meiner Abreise wurde die TBEX wegen dem Coronavirus auf ein unbestimmtes Datum verschoben. Bisher war nur Norditalien so arg vom Coronavirus betroffen, die „zona rossa“ wurde eben gerade ausgerufen. Sizilien war noch ruhig.

Da schon so viele Möchtegern-Konferenz-Teilnehmer*innen in Italien unterwegs waren, versprachen die Organisatoren, dass die PR-Touren im Freien trotz der verschobenen Konferenz stattfinden würden.

Ich hatte schon mehrere Artikel-Aufträge für Sizilien und eine tolle PR-Tour in Aussicht, und die Unterkunft war gebucht. Darum beschloss ich, nach Catania zu reisen.

So waren wir dann etwa 50 Personen, die sich trotz allem in Sizilien einfanden – weil hier noch alles ruhig war. Etwa zur Hälfte Amerikaner*innen, zur anderen Hälfte Europäer*innen.

Reise nach Sizilien mit Zug und Fähre

Langsam weiss ich ja wies geht. Die Reise ohne Flugzeug nach Sizilien, dafür das bepackte Fahrrad als Gepäck, ist relativ einfach:

Zug via Mailand nach Genua, Fähre nach Palermo – und schon bist du in Sizilien.

Dieses Mal bin ich schon erschüttert, wie leer die Bahnhöfe sind: Mailand und Genua habe ich noch nie so ruhig gesehen. Auch der Hafen von Genua ist fast ausgestorben.

Zur Begrüssung regnet es wie aus Kübeln in Genua. Und weil so wenige Passagiere unterwegs sind, gibt es keine Wegführung, die zum richtigen Schiff leitet.

Das hat jetzt zwar nichts mit dem Coronavirus zu tun, aber die Szene ist auch gruslig: Wenn du dir kurz vorstellen magst: es ist stockdunkel und giesst volle Kanne. Dazwischen immer wieder lustige Böen, die kleine Wellen auf dem überfluteten Gelände erzeugen. Kaum ein Mensch ist unterwegs. Nur du, dein Fahrrad und die Scheinwerfer des Hafens, die im Wind leicht wanken.

Endlich findest du die Sicherheitskontrolle. Sie befindet sich am Beginn einer langen Fussgängerüberführung. Wie ein Dock im Flughafen, bloss nicht direkt mit dem Schiff verbunden.

Immerhin drei Menschenseelen. Eine fragt:

„Hast du ein Messer dabei?

„Nein.“ 🤥

„Bitte leg den Rucksack auf das Band“, sagt eine Frau.

Mist, habe ich das Sackmesser im Rucksack? Nein, Glück gehabt. Mit dem Fahrrad darf ich ausserhalb der Schranken durch, weil es mit dem Gepäck zu gross ist, haha. Also verpfeift mich das Sackmesser nicht.

„Wohin muss ich denn jetzt?“, frage ich die drei Sicherheitsleute. Sie sind schon wieder mit ihren Smartphones beschäftigt und zeigen zerstreut in den Regen hinaus.

Diese Fussgängerüberführung ist toll. Sie steht auf schmalen, hohen Beinen und verzweigt immer wieder mal. So wanke ich zehn Meter über Boden durch den Wolkenbruch, die Böen fegen mich ans Geländer, und ich weiss immer noch nicht, wo ich abzweigen muss, um zu meinem Schiff zu gelangen.

Ich nehme einfach den ersten Abzweiger, schon total durchnässt.

Die wirkliche Herausforderung steht erst jetzt an:

An einem Pfeiler am Ende der Passage hats einen Lift, der wieder auf den Boden führen würde. Er sieht schitter aus. Ich habe Klaustrophobie. Und wenig Vertrauen in die Technik. Ich bin ganz alleine hier. Wenn dieser Lift stecken bleibt, wird das keiner merken. Die nächsten 14 Tage werde ich hier in dieser dreckigen, stinkigen Kabine verbringen.

Eine nächste Böe weist den Weg: du nimmst jetzt diesen Lift, Punkt.

Ich überlebe ihn. Alles weitere ist ein Kinderspiel. Rein in die Fähre:

Genua, unterwegs nach Sizilien
Mit dem Fahrrad in der Fähre nach Sizilien
Pullman-Sitz auf der Fähre nach Sizilien

Auf der Fähre sind vorwiegend Lastwagenfahrer. Dazu eine mutige deutsche Reisegruppe (was wohl aus ihr geworden ist?) und ein paar einzelne Reisende, die nach Heimkehr nach Sizilien aussehen.

Ich habe mir angewöhnt, auf der Fähre keine Kabine zu nehmen (Klaustrophobie), sondern die günstigste Variante: einen Pullmansitz. Diese Sitze befinden sich in Kino-ähnlichen Sälen. Mit dem Schlafsack kann man sich bequem auf den Teppich legen und die Nacht halbwegs gut durchschlafen.

Dieses Mal ists noch komfortabler: im ganzen Saal befinden sich nur fünf Passagiere. Raum genug, um quer über den Sitzen zu schlafen.

Die Fährfahrt von Genua nach Sizilien dauert etwa 21 Stunden. Und dann kommt Palermo in Sicht.

Übernachtung im A casa di amici in Palermo

Schon hier hätte ich es ahnen können: dunkle Wolken hängen über Palermo…

Palermo bei Nacht

Weil es bei der Ankunft schon dunkel ist, habe ich so meine Schwierigkeiten damit, meine Unterkunft zu finden: mein Coachsmart ist leider nicht beleuchtet. Das ist das kleine Gerät, das sich mit meinem Smartphone synchronisiert und die Anweisungen der Navigations-App Naviki übersetzt. In diesem Fall wärs gescheiter, das Smartphone direkt am Lenker zu haben und so bei beleuchtetem Display der Route zu folgen.

Nach einer halben Stunde Herumirren erreiche ich meine Unterkunft für diese Nacht: das sogenannte „Boutique Hostel“ A casa di amici*, was übersetzt heisst: „Bei Freunden zuhause“. Schön, oder? Und so fühlt es sich auch an. Falls du mal günstig in Palermo übernachten möchtest, kann ich dir diese Unterkunft sehr empfehlen.

Mein Fahrrad bekommt unkompliziert einen sicheren Übernachtungsplatz, und ich teile das 4-er-Zimmer mit einem einzigen anderen Gast. Ein asiatisches Mädel sehe ich noch auf der Terrasse sitzen, ansonsten sehe ich keine Gäste.

Hostel in Palermo

Von Palermo nach Catania

Ja, das wäre jetzt der Teil, den ich per Fahrrad machen könnte. Leider habe ich dafür keine Zeit, weil am nächsten Tag meine PR-Tour in Catania startet. Zwar ist es hier in Sizilien viel wärmer als im Norden, aber dunkle Wolken hängen herum. Die Prognosen versprechen Regen und im Hostel höre ich noch den schönen Satz, den ich auf meiner Sizilien-Umrundung per Fahrrad vor ein paar Jahren zu oft gehört habe:

„Bis jetzt wars richtig frühlingshaft und viel wärmer als üblich.“

Auch der Bahnhof Palermo ist menschenleer. Ich kann wohl froh sein, dass überhaupt noch ein Zug fährt.

Dafür die erfreuliche Wiederentdeckung: in Sizilien kannst du das Fahrrad kostenlos im Zug mitnehmen. Sehr cool.

3 Stunden Zugfahrt mitten durch das Inselinnere. Eine kleine Meditation – schön siehts aus. Hier Rad zu fahren, ist einfach himmlisch!

In Catania angekommen, werde ich auf der Suche nach dem heutigen B&B ordentlich verregnet.

In dem Moment ahne ich ja nicht, was in ein paar Tagen noch kommen wird…

Catania und der grosse Paukenschlag

Ich war schon mal in Catania. Damals total überrascht, wie schön die Innenstadt ist. Und bezaubert vom langen Lungomare.

Piazza del Duomo Catania
Zentrum von Catania, Sizilien
Stella del Sud Catania, Sizilien

Leider komme ich nicht mehr dazu, die Schönheit Catanias in Ruhe zu bewundern und meine Recherchen und Fotos für die Artikel-Aufträge zu machen, weil:

Wir 8 Personen, die an der PR-Tour von Etna Bike Tours teilnehmen, haben grosses Glück: die Tour findet am Sonntag und Montag statt (8./9. März 2020). Eine knappe Stunde nach meiner Rückkehr ins B&B, erreicht mich die Meldung, dass die „zona rossa“ auf ganz Italien ausgeweitet worden ist.

Konkret: niemand darf mehr das Haus verlassen, ausser für

  • Arbeit
  • Gesundheit (Arztbesuch)
  • Notwendigkeit (z.B. Lebensmittel einkaufen, Heimkehr und ähnliches)

Die Kongress-Organisatoren rufen uns auf, Italien so schnell wie möglich zu verlassen.

Die ersten fliegen gleich am kommenden Morgen früh weg. Nach Budapest, Athen, Marseille, Amsterdam.

In der Whatsapp-Gruppe herrscht höllische Aufregung. Manche fürchten, nicht mehr zurück in ihre Heimat zu gelangen, weil nach und nach Grenzen schliessen und Flüge gestrichen werden. Andere ärgern sich, dass sie massive Umbuchungsgebühren und Fantasiepreise für andere Flüge bezahlen müssen. Annullationskosten werden nicht vergütet. Grosses Durcheinander.

Und ich?

Zum Glück habe ich eine ganz grossartige Unterkunft mitten in Catanias Altstadt: Stella del Sud* heisst sie.

Hier habe ich ein wunderschönes, grosses Zimmer, in dem ich mein Fahrrad in Sicherheit habe. Es gibt eine Kaffeemaschine, die ich nutzen kann, und das Wlan ist schnell und stabil. Zudem ist das Gastgeberpaar extrem hilfsbereit und freundlich.

Ich beschliesse, nichts zu überstürzen, und bis Freitag im Stella del Sud zu bleiben – so lange wie ich es ursprünglich gebucht habe.

So siehts aus im Stella del Sud:

Schöne und günstige Unterkunft in Catania

Zwei Tage später, am Mittwoch Abend, werden die Einschränkungen in Italien noch strikter: alle Läden sollen schliessen, ausser Lebensmittelläden und Apotheken.

Ich weiss immer noch nicht, was ich tun soll. Da ohnehin alle meine Pläne – Coronavirus sei Dank – zunichte sind, gibt es keinen Grund, hektisch irgendwohin zu reisen. Meine ursprünglichen Termine im Norden sind alle abgesagt.

Zurück in die Schweiz zu reisen finde ich doof, weil ich 1. sowieso gleich in der Quarantäne lande und 2. niemanden gefährden will, sollte ich mir den Virus auch bereits eingefangen haben. Zudem sieht es so aus, als ginge in der Schweiz gleich das gleiche Drama los, wie ich es bereits in Italien erlebe.

So beschliesse ich, die Quarantäne gleich hier vor Ort zu machen – und suche mir eine Wohnung ausserhalb der Stadt, wo ich in Ruhe arbeiten und diese schräge Zeit aussitzen kann.

Von Catania nach Aci Castello per Fahrrad

Endlich darf ich Rad fahren!

Jetzt ist es ja aber verboten, sich auf den italienischen Strassen herumzutreiben, wenn keine Dringlichkeit besteht. Wer sich von A nach B bewegt, muss eine sogenannte Selbstdeklaration ausfüllen. Wer von B nach A zurückfährt, füllt nochmals eine Selbstdeklaration aus. Bei einer Polizeikontrolle, muss dieses Formular vorgewiesen werden können. Wer keine gute Erklärung bereit hat, kann eine hohe Geld- oder gar eine Haftstrafe einfangen.

Ich habe ja eine Dringlichkeit. Weil ich mit Fahrrad und Sack und Pack von Catania nach Aci Castello fahre, fülle ich auch eine Selbstdeklaration aus und bin ganz gespannt, wie oft ich auf diesen 7 Kilometern von der Polizei angehalten werde.

Keinmal.

Zwar passiere ich zwei Kontrollposten, aber die Herren und Damen Polizei und Carabinieri sind beschäftigt mit anderen Verdächtigen. So fahre ich vergnügt durch die Landschaft, als wäre alles normal. Um noch ein wenig länger pedalen zu dürfen, verfahre ich mich um ein paar Kilometer. Die Sonne scheint warm, das Meer lockt, die Strassen sind leer. Beste Fahrrad-Bedingungen. Aber eben… ich halte mich ja grundsätzlich an die Regeln.

In all diesem Tumult hatte ich offensichtlich ein gutes Händchen – oder schlicht Glück: die Airbnb-Unterkunft, die ich mir zum Aussitzen ausgewählt habe, ist ein Volltreffer.

Die Wohnung ist gross, hell, gemütlich und: hat einen grossen Balkon mit Meersicht, einen Balkon mit Ätnasicht (den ich in der Nacht Feuer spucken sehe) und eine Riesenterrasse mit Rundumsicht. Das Wlan funktioniert recht gut, die Heizung ebenso und die Gastgeber sind sehr freundlich. Und ich bezahle nicht mehr, als ich in einem geteilten Schlafsaal in einer Herberge bezahlen würde.

So ein Glück!

Mein Arbeitsplatz sieht also für die kommenden Wochen (Monate?!) so aus:

Italien in Zeiten des Coronavirus: Aci Castello

Italien in Zeiten des Coronavirus: Alltag

Langsam kehrt der Alltag ein in dieser verrückten Sizilien-Zeit.

Alltag bedeutet aktuell für mich:

  • Ich darf nicht raus zum Spazieren oder Joggen oder Radfahren. Aber ich darf raus zum Einkaufen. Wenn ich das dringende Bedürfnis nach Bewegung im Freien habe, nehme ich jetzt einen kleinen Plastiksack mit einer Orange und einer Zitrone mit – als Beweis, dass ich vom Einkaufen komme. Nur so für den Fall, dass es jemanden interessieren würde, was ich so Dringendes auf der Strasse zu suchen habe. Man munkelt, selbst für einen einfachen Einkaufsgang müsste man ein Selbstdeklarations-Formular ausfüllen. Das habe ich mir bisher erspart.
  • In den Lebensmittelläden darf nur eine Maximalzahl von Kunden unterwegs sein. Darum gibt es jetzt lange Schlangen beim Einkaufen. Vor dem Bäcker, vor dem Gemüseladen, vor dem Mini- und dem Supermarkt. Ich bin schon satte 90 Minuten angestanden, bis ich in den Laden durfte. Für einen Einkauf, für den ich sonst 10 Minuten brauche. Die Italiener*innen sind nicht besonders stark im Anstehen. Ich habe schon viele Vordrängelmeister gesehen. Aber in diesen Tagen warten sie ohne Uffs und Schnaufs und Gezeter ganz geduldig. Ich staune.
  • Leider sind ja auch die Bars geschlossen. Darum gibts also auch keinen Caffè in der Bar. Das finde ich sehr traurig.

Mehr Nähe trotz räumlicher Distanz

Nach einer knappen Woche Ausnahmezustand, staune ich:

Als Ausländerin nehme ich die Italiener in diesen Tagen unerwartet diszipliniert und geduldig wahr. Es scheint, als ob es dieser fiese kleine Virus schaffen würde, das Land wieder mehr zu vereinen.

Als ob die räumliche Distanz, die die Regierung zwischen seinen Bürgern vorschreibt, mehr Nähe erzeugen würde.

Das äussert sich jetzt vor allem in den zahlreichen Berichten von Italienern, die auf den Balkonen zusammen singen. Hier ein Beispiel, vermutlich aus Neapel:

Schön wärs, wenn Italien in Zeiten des Coronavirus wieder näher zusammenrücken würde.

Auch wenns nur wegen eines kleinen Grippevirus ist.