Am Tag, als ich meine Fahrradtaschen packte, um am nächsten Morgen zu meiner Radreise Schweiz – Palermo aufzubrechen, ahnte ich Böses: das kommt nicht gut! 6 Wochen später erkannte ich, dass ich mich an jenem Tag geirrt hatte. Heute weiss ich, dass diese Zweifel kurz vor der Abreise zum Kitzel der Reise gehören. Angst vor dem Unbekannten, Unsicheren. Einmal unterwegs, ist diese Angst weg. Darum werde ich nicht müde zu sagen: es lohnt sich immer, mutig neue Wege zu gehen!

Was bedeutet «mutig sein»?

Immer wieder mal sagt jemand zu mir: «Doro, du bist so mutig!» Das bringt mich immer noch zum Lachen.

Wenn die wüssten, wovor ich alles Bammel habe… Aber «mutig sein» ist eben subjektiv. Ich pedale ja nur in der «zivilisierten» Gegend von Italien herum.

Für richtig mutig halte ich Frauen wie Dorothee Fleck oder Heike Pirngruber, die alleine mit dem Fahrrad durch wenig erschlossene Gebiete in Afrika, Asien und sonstwo auf der Welt fahren und gefahren sind. Daneben bin ich eine kleine Pauschaltouristin.

Egal bei welchem Vorhaben, mutig sein heisst nicht, keine Angst zu haben.

Im Gegenteil: Mutig sein bedeutet, Angst zu haben und TROTZDEM neue Wege zu gehen. Sich trauen, obwohl nicht sicher ist, wie sich die Situation entwickeln wird.

Die Kunst liegt darin, zu unterscheiden, ob die Angst berechtigt ist, weil ich gerade im Begriff bin, eine Dummheit zu begehen. Oder ob mich die Angst bloss in der gemütlichen Komfortzone festhalten will. Die wiederum birgt auch so ihre Gefahren, wird sie doch bekanntlich immer enger, je seltener wir sie verlassen, und irgendwann getrauen wir uns nicht mal mehr zum Bäcker. Das zeigt ja auch schön, dass es im Grunde keinen Stillstand gibt, sondern entweder Wachstum oder Rückschritt.

Zurück zur Frage, ob eine Radtour in Italien gefährlich genug ist, um gar nicht erst loszufahren:

Die Gefahr ist überschaubar, die üblichen Reise-Risiken stehen auf dem Programm: Unfall, Diebstahl, Krankheit, irgendwelche Irre, die mich belästigen könnten, ich könnte mich verfahren und im Dschungel verhungern.

Vor fast jeder Abreise geht mir diese Liste durch den Kopf und noch manch Lustiges obendrauf. Das habe ich ja schon mal ausführlich im Artikel Angst auf Radreisen abgehandelt. Dann bläht der Geist die ganze Liste nochmals schön auf, und jetzt hätte ich allen Grund, um zu Hause zu bleiben.

Dann fahre ich trotzdem. Ich habs noch kein einziges Mal bereut.

Warum soll ich denn mutig neue Wege gehen?

Ja, warum eigentlich? Warum soll ich mich denn so anstrengen, zuhause ists doch so gemütlich…

Mittlerweile weiss ich, dass ich als Belohnung für diese Risiken eine Menge zurückbekomme:

  • Ich fühle mich lebendig
  • Ich begegne inspirierenden oder sonstwie spannenden Menschen
  • Ich bin glücklich, weil ich den ganzen Tag Fahrrad fahren und im Zelt übernachten darf
  • Ich fühle mich stark, weil ich die Angst überwunden habe = stärkeres Selbstvertrauen
  • Wenn ich die Anfangs-Angst überwunden habe, kann ich der nächsten souveräner begegnen

Eleanor Roosevelt formulierte es so:

«Du gewinnst Kraft, Mut und Selbstvertrauen durch jede Erfahrung, bei der du der Angst wirklich ins Gesicht siehst.»

Ich brauchte allen Mut bei…

Für alle, die immer noch meinen, ich sei ein besonders mutiger Mensch, habe ich hier eine kleine Liste meiner Heldentaten, die mich echte, heroische Überwindung kosteten:

  • Zum ersten Tag meines Studiums anzutreten
  • Jeder Vortrag, jedes Referat, generell vor Menschen sprechen (wenn es mehr als 2 sind). Ich hoffe immer noch, dass das irgendwann bessert.
  • Auf den Jakobsweg von Sevilla nach Santiago de Compostela (Via de la Plata) aufzubrechen (ich hatte zuvor viel Schlimmes über die spanischen Hunde gelesen, die am Wegrand auf Pilger warten)
  • Über eine Wiese zu wandern, auf der Kühe mit süssen Kälbern weiden
  • Wie oben beschrieben: das Aufbrechen auf meine Fahrrad-Reise von der Schweiz nach Palermo
  • Meinen letzten Angestellten-Job kündigen und in die Selbständigkeit springen
  • Meinen ersten Firmen-Kunden den Preis für meine Texte zu nennen
  • Mein erstes Video zu veröffentlichen

Im Grunde ist es doch komplett irrelevant, ob ich Angst hatte oder nicht.

Das einzig Interessante ist: überwinde ich immer wieder meine Angst, um das bunte Leben zu fühlen und mich meinen Zielen anzunähern oder kippe ich in den Sessel zurück und gucke Videos von Menschen, die mutig losgehen?

Ich habe immer die Wahl:

  • Lebe ich das Leben möglichst lebendig (und strauchle manchmal und verfahre mich jämmerlich)?
  • Hangle ich mich am Sicherheitsgeländer des Lebens entlang und schaue den Mutigen beim Leben zu?

Es ist tatsächlich eine Wahl und passt ganz gut zum Satz des Psychologen Rollo May:

Das Gegenteil von Mut ist in unserer Gesellschaft nicht Feigheit, sondern Anpassung. (Rollo May)

Meine nächsten mutigen Schritte

Und wenn ich schon mal dran bin, meine Mutproben hier auszubreiten, bekenne ich mich auch gleich zu meinen Plänen:

  • Ich ziehe ans Meer. Das ist ein Versuch und ein alter Traum. Ich versuchs, wie es mir gefällt. Ein Jahr lang.
  • Ich baue ein Online-Gruppen-Mentoring-Programm auf. Für Menschen, die aus dem Hamsterrad eines freudlosen Jobs aussteigen wollen.
  • Ich mache mehr Videos, die du dir künftig auf meinem YouTube-Kanal anschauen kannst.

Reicht mal so für die nächsten Monate. So sehr sie mich aufscheuchen, so sehr freue ich mich auf die bewegten Momente, die prickelnde Aufregung – und auch auf die Zeit danach, wenn ich stolz sehe: ich habs gewagt. Schlimmstenfalls habe ich etwas Neues erlebt und gelernt. Bestenfalls eröffnen sich ganz neue Horizonte und Möglichkeiten.

Und jetzt bin ich gespannt, welche mutigen Schritte bei dir für die nächsten Monate anstehen. Verrätst du sie mir und der kleinen Miss Move-Welt in den Kommentaren?