Das ist ein Gastartikel von Erich Schwarz. Er ist Mitte Juni mit 3 Kumpels in 7 Tagen von Piacenza nach Parma gefahren – und zwar nicht gemütlich durch die Ebene, sondern in über 8000 Höhenmetern über verschiedenste kleine Pässe des Apennin. Mehr über die 4 Abenteurer erfährst du am Ende des Artikels.


Gleich hinter den grossen Städten der Emilia-Romagna beginnen die Apennin-Täler. Bald einmal begrenzen uns diese natürlichen Nord-Süd-Achsen, so dass wir uns mit einem wilden Aufundab in den Osten wagen. Das Ziel, möglichst wenig befahrene Pässe zu verwenden, gelingt uns ganz gut, bis wir dann aber wegen dieser Nebenstrassen-Krämerei auf 10 km Schotterpiste landen – inkl. Steilabfahrt.

Orte auf der Route

Piacenza-Grazzano Visconti-Val Trebbia-Val d’Aveto-Rezzoaglio-Passo Tomarlo-Bedonia-Borgo Val di Taro-Passo del Brattello-Succisa-Passo della Cisa-Berceto-Passo Silaria-Bosco-Passo della Colla-Trefiumi-Lago Paduli-Pieve S. Vincenzo (oder Passo della Scalucchia)-Collagna-Busana-Castelnovo ne Monti-Vetto-Roncaglio-Trinita-Canossa-Ciano d’Enza-San Polo d’Enza-Traversetolo-Panocchia-Alberi-Parma

In der Collection in Komoot kannst du die GPS-Daten der Tagestouren einzeln herunterladen.

Tag 1: Piacenza – Bobbio

Zu viert, vollgepackt, starten wir in der Mittagshitze aus Piacenza. Sie wird uns während der ganzen Tour nicht mehr loslassen.

Unser Ziel für diese Nachmittagsetappe ist Bobbio, wo wir sehr vorsorglich die einzige Unterkunft der Tour reserviert haben: Das Ostello Comunale di Palazzo Tamburelli. Wir können uns je zu zweit in zwei Massenschlägen ausbreiten für 23 Euro pro Person.

Die Route von Piacenza nach Bobbio entspricht grob jener in diesem Val Trebbia-Artikel.

Tag 2: Bobbio – Passo Tomarlo – Bedonia

Tag 2 wird im Rückblick bereits unsere Königsetappe sein: Zuerst geht es noch kurz dem Fluss Trebbia entlang, bis wir ihn bei Marsaglia gegen den Aveto eintauschen.

Von Bobbio nach Marsaglia per Fahrrad

Wir bleiben immer auf der linken Flanke hoch oberhalb des Flusses und ohne dass wir es erwartet haben, überfahren wir bei einer Brücke die Grenze nach Ligurien. Die drei kommenden Regionenwechsel werden aber bedeutend kraftraubender sein, immer auf einer Passhöhe.

In Rezzoaglio, einem Strassendorf als klassischer Verkehrsknoten, stürzen wir runter zur Römerbrücke und bis zum Aveto, wo wir mit einem angenehm kühlen Flusseintaucher belohnt werden.

Bei unserer Planung hatten wir immer im Kopf, dass wir irgendwann den Apennin komplett überwinden würden, um an die ligurische Küste zu kommen. Doch heute, am 2. Tag der Tour, finden wir das schon etwas vermessen früh.

Wir drehen ostwärts und in die Höhe. Ein lustiger Moment bei der Kaffeepause in Montegrosso:

Es fehlen uns noch ca. 600 Höhenmeter zum Passo Tomarlo. Neben der ausholenden Hauptverbindung über Santo Stefano d’Aveto, versprechen zwei Direttissimas zum Höhengrat womöglich eine Panoramastrecke oben.

Wir teilen uns auf. Die Grat-Stürmer werden später mehr den steilen Anstieg verfluchen, vom Panorama war anscheinend wenig zu haben. Derweil nehmen die verbliebenen zwei die Route übers Dorf, was immer noch genügend steil bleibt.

Aveto-Tal
Santo Stefano
Passo Tomarlo per Fahrrad

Vor der Abfahrt vom Passo Tomarlo (1485 m) kommt die Losung, dass wir nun doch langsam wegen Übernachtungsgelegenheiten die Augen offen halten sollten – eine Beschäftigung, die uns jeden Tag wachsam hält.

Die Abfahrt ist wunderschön lange und rasant, mit perfekten Kurvenradien und wenig bis gar keinem Gegenverkehr.

In Anzola, am Fuss des Passes, würde uns die Grossmutter der beliebten Dorfbar noch ein paar Zimmer zurecht machen können, aber Abendessen gäbe es keins. Trotz der verlockenden Lage ist uns das Stillen des Heisshungers doch mehr wert, und wir müssen ins wenig ansehnliche Bedonia ausweichen, wo das Hotel San Marco* einfache Einzelzimmer für jeden von uns bereit hält.

Tag 3: Bedonia – Berceto

Der gestrige Tag war für einige von uns schon eine genügend schwere Kraftprobe. Plötzlich auftretende Wadenkrämpfe beim Abendessen zeigten den Tribut an.

Wir sehen das Dilemma bei der Routenplanung des Tages: Entweder Höhe verlieren (lieber nicht) oder weitere Passanstiege (ist ja eigentlich schön)?

Der Anfang macht ein leichtes Einrollen ins Taro-Tal hinein bis nach Borgo Val di Taro. Das Taro-Tal ist eines der Apennin-Täler, das sich recht weit nach Süden “hineinfrisst”, ohne grosse Talsprünge zu machen. Prädestiniert daher als Transittal – doch zum Glück kriegen wir heute relativ wenig davon mit.

Dieser Tag ist besonders heiss, oder aber der tiefe Ausgangspunkt (400 m) bringt mich trotz zahm angelegten Kurven zum Passo del Brattello (942 m) arg ins Schwitzen und Fluchen. Oben um 11 Uhr im windstillen Schatten, bringt nur der Gedanke an die Abfahrt etwas Kühlung.

Doch die jetzt arg erkämpften Höhenmeter bis auf ca. 200 Meter wieder preisgeben? Ziel wäre Pontremoli und von dort ostwärts über den Nebenpass Passo di Cirone (mit einem Tausend-Meter-Anstieg!). Wir tüfteln mit Landkarte und Komoot auf dem Brattello herum, ob wir nicht eine Flankenfahrt machen können.

Wie zwei Engel erscheinen uns dann zwei erfahrene Ciclisti, die von der anderen Passseite kommen. Klar, da gebe es eine Höhenabkürzung, sie haben sie soeben genommen. Auf halbem Weg nach Pontremoli, auf der Höhe der Transit-Autobahn kann über Succisa ins obere Magra-Tal eingeschwenkt werden, ohne gross Höhe zu verlieren. Nächstes Zwischenziel wäre dann der Passo della Cisa.

Wir bedanken uns bei unseren Engeln, und beflügelt von den guten Nachrichten nehmen wir auch die grünste Abfahrt der Tourwoche unter die Räder.

Die Südseite des Passo del Brattello ist unser Geheimtipp!

Brattello-Pass

Und nicht zu vergessen, hier hätten wir es einfach sausen lassen können Richtung Meer, ohne dass ein Hindernis im Weg gewesen wäre. Aber wir trotzen dem Gedanken, vielleicht auch, weil wir nicht entsprechend geködert werden: Auf beiden Apennin-Übergängen Brattello und Cisa lässt sich das Meer nicht blicken.

Der Aufstieg zum Passo della Cisa gelingt uns allen sehr gut – trotz weiter anhaltender Mörderhitze.

Der Nebeneffekt unseres Taschenspielertricks mit der Flankenfahrt hätte uns ums Haar die Kräfte für den Aufstieg gekostet, denn hier in den kleinen Dörfern ist die Osteria-Dichte im Gegensatz zu Pontremoli ziemlich tief. Da zusätzlich noch Montag ist, stehen wir mit leeren Bäuchen vor einer Gaststätte, die heute keine Gäste bedient. Doch der Blick auf die Landkarte und Google Maps lässt uns erahnen: Viele Alternativen haben wir vor dem Aufstieg nicht.

Die Tür der Osteria ist offen, drinnen isst eine Grossfamilie zu Mittag. Ich bete die Essgemeinde an, wie ein Almosenbittender vor jedem italienischen Dom. Und siehe da, wir werden belohnt mit einer riesigen Spaghetti-Platte an einer Steinpilz-Sauce.

Wer in eine ähnliche Lage kommen sollte: Trattoria Ferrari, Via Succisa 56, Polina.

Grondola
Val Magra
Cisa-Pass

Es ist nun mit 16 Uhr doch relativ früh für eine Unterkunftssuche, doch wir haben einerseits genügend Höhenmeter in den Beinen, andererseits möchten wir nicht mehr geschlossene Türen anrennen wie gestern am Fuss des Passo Tomarlo und knapp heute beim Zmittag.

Die rasante Abfahrt vom Passo della Cisa lässt die Endorphine frei, so dass der Vorderste das schön gelegene Ostello della Cisa nicht wahrnimmt (eine Huldigung findet sich in diesem Cisa-Beschrieb) und wir anderen zwangsläufig mit ihm nach Berceto runterbrettern.

Wir schreiben uns dort als Velo-Pilger ein (Via Francigena), in die empfehlenswerte Locanda Pasquinelli (Halbpension 70 Euro mit köstlichen drei Gängen, nach Pilgertarif fragen).

Berceto hat eine unaufdringliche Schönheit, es scheint noch fast ganz in den Händen der stolzen lokalen Bevölkerung zu sein.

Berceto
Gasse in Berceto

Tag 4: Berceto – Passo della Sillara – Passo della Colla – Valditacca

«Längs des Emilia-Romagna-Apennin» passt als Bezeichnung perfekt nicht nur für die ganze Tourwoche, sondern speziell auch für Tag 4. Denn wir machen an diesem Tag keine Haupt-Apennin-Überquerungen mehr wie am Vortag, sondern lassen uns quasi von der Apennin-Kette mittreiben gegen Südosten.

In Berceto kaufen wir im Gemüseladen noch ein, bis wir grad direkt in den nächsten Anstieg hineinstolpern. So früh am Morgen kam er noch nie! Doch wir sind entschiedener im Antritt, als die Namensgebung des Passes. Mal ist er einfach Passo Silara (auf Strassenschildern), mal Passo del Silara oder Passo della Sillara (beide auf Karten).

Oben auf 1200 Metern angekommen, erahnen wir einen Landschaftswechsel: Die Hügel werden grüner und es bieten sich in sich abgeschlossene Nebentäler-Einblicke, irgendwie für den Velofahrer-Geist beruhigend.

Silara-Parma
Marra
Fahrräder in grünen Hügeln

Begeistert von diesen Ausblicken und den kaum befahrenen Strassen, setzen wir noch einen drauf.

Neben dem zuerst angepeilten Passo di Ticchiano gibt es noch einen weiteren Übergang ins nächste Apennintal, der an einen Regionalpark und die für Strassen unbezwingbare Hügelkette gegen die Toskana angrenzt (Monte Marmagna und Monte Sillara).

Auf der Landkarte ist die Route in der kleinstmöglichen Strassenklassierung eingeordnet, aber sie ist durchgehend.

Von Bosco gehts steil bergauf zum Abzweiger zum Sessellift-Ort Lagdei. Da wir unten im Tal wieder vergeblich nach einem Dorfladen Ausschau hielten, begrüssen wir mit offenen Armen die schön von der Landschaft eingefasste und wenig besuchte Talstation des Rifugio Lagdei als unseren Mittagsort.

Besonders die lokale Gebäckkreation Spongato di Corniglio fällt nach dem Risotto-Genuss auf.

Auf übergrossen Erklärtafeln werden wir Zeuge vom neusten Tourismus-Marketing: Wir sind nicht einfach nur in einer schön bewaldeten, sehr abgelegenen Region unterwegs – die uns schon so sehr gut gefällt. Nein, wir sind im Park der hundert Seen!

Die Lokalen waren wohl einfach zu müde immer vom “Parco Regionale delle Valli del Cedra e del Parma” zu sprechen. Zudem gehört dieser Plätz auch zum grösseren Biosphären-Reservat “Appennino Tosco-Emiliano”, das u. a. diese Wanderung anpreist.

Trotz dieser Überbeschilderung und dem Blick auf der Karte, werden wir zum ersten Mal vom Untergrund überrascht. Beim Lagdei-Abzweiger ist nämlich zum letzten Mal fester Strassenbelag unter unseren Rädern – und das wird dann für 10 Kilometer so bleiben, inkl. einem kurzen Steilaufstieg und einer weniger rasanten Schotterpisten-Abfahrt.

Wir sind aber dankbar dafür, dass wir an diesem weiteren Hitzetag im lichten Wald gemächlich an Höhe gewinnen, bis wir zum Rifugio Lagoni kommen mit einem prächtig gelegenen Bergsee.

Erfrischt nehmen wir die letzten 100 Höhenmeter in Angriff. Ironisch schon, dass der zweithöchste Punkt (1455 m) unserer Tour von den Karten kaum benannt wird. Er heisst aber Passo della Colla.

Die Abfahrt auf der bereits erwähnten Schotterpiste lässt vor allem unseren einzigen Felgenbremsler fluchen.

Das Gute am entschleunigten Runterkommen ist aber, dass wir die Spätnachmittagsstimmung an diesem Flecken in uns einsinken lassen können, so dass auch genügend Fotohalte genutzt werden.

Im ersten Haus unten nimmt uns ein betriebiger Ex-Kellner mit seiner Frau in seinem gut ausgebauten BnB “Cento Laghi” (wir kriegen drei Zimmer!) etwas widerwillig auf: “Ohne Reservation geht es eigentlich nicht”, wird er uns auch später noch in Erinnerung rufen. Jedenfalls schlafen wir in diesem hintersten aller Dörfer namens Valditacca wunderbar nach dem Halbpension-Abendessen.

100 Laghi Bike
Lago Lagoni
Buchenwald
Collapass
Schotterstrasse
Grüne Hügel
Colla-Pass
Bed & Breakfast

Tag 5: Valditacca – Passo della Scalucchia – Collagna – Busana

Nachdem unser Host etwas über die Marketing-Organisation von 100 Laghi Bike abgelästert hat (“das sind keine Touristiker, sondern Gewerbler, die sich wichtig machen”), klärt er uns auf, dass unsere gestrige Anfahrt über den Passo della Colla zwar in Karten als Strasse verzeichnet ist, doch seit 30 Jahren nicht mehr asphaltiert wurde, obwohl sie es immer wieder von Neuem versprechen.

Wir lassen ihn und seine Sorgen zurück und fahren befreit in unsere mittlerweile gewohnte Morgensteigung hinein.

Über Trefiumi und Rimagna erreichen wir bald eine Kuppe, die ins tief eingeschnittene Enza-Tal blicken lässt. Auf beinahe flachem Weg zum Stausee Lago Paduli machen wir einen frühen Kaffee- und Einkaufs-Stopp.

Wir mischen uns in der einzigen Bar von Rigoso unter die Senioren, die vor sich hinplaudern. Nur einer von ihnen will von unserer Gruppe wissen, was unsere Pläne sind. Da wir meist auf Sicht fahren auf unserer Landkarte, wirken wir wohl derart desorientiert, dass er uns (oder vielleicht mehr sich selber) wünscht, dass er uns nicht aufsammeln muss, wenn wir uns verirrt haben.

Der Weg ist aber klar vorgegeben, wir fahren zur Mittagsrast zum Lago Paduli und sitzen mangels Beschattung wie Geissenhirte unter einem Einzelbaum. Von hier aus entspringt die Enza, die wir am Tag 6 besser kennenlernen werden. Sie mündet nordöstlich von Parma in den Po, und somit haben wir es wieder mit einem klassischen Apennintal zu tun, deren Anzahl wir aufgehört haben zu zählen.

Trefiumi
Richtung Enza-Tal
Lago Paduli
Valle Enza

Heute bleiben wir wieder auf der geringsten Strassenkategorie in unserer Karte. Der Abschnitt vom Passo della Colla scheint eine Ausnahme gewesen zu sein, denn jetzt finden wir ca. 3 Meter breite Asphaltpisten vor, die uns steil den Berg hinaufführen.

Zum Kurvenschlängeln sind wir auch auf einen möglichst unmotorisierten Weg angewiesen. Wir entdecken eine andere Abweichung von Karte zu Landschaft: Diesmal gibts eine durchgehende Asphaltstrasse auf die andere Bergseite, die aber nicht eingezeichnet ist.

Zwei Pioniere wollen es wissen und werden später von einer grandiosen Rundumschau oben auf dem Passo della Scalucchia (1367 m) berichten. Zwei andere nehmen den eingezeichneten Weg über Pieve San Vincenzo über Storlo nach Collagna, wo wir uns als Gruppe wieder verabreden.

4 Radfahrer
Scalucchia
Giro d'Italia-Gefühle
Passo della Scalucchia

Das Schöne an Velotouren ist das immer wieder Unerwartete, Unberechenbare. Gerade bei der Unterkunftssuche oder dem Schöne-Dörfer-Abgrasen, ist die Vorstellung eines, die Realität manchmal eine ganz andere.

Wir hatten gehofft, dass uns nun in den Terrassendörfern des Fiume Secchia, ähnlich wie in den letzten Tagen, ein lebhaftes Treiben entgegenkommt. Doch hier war das mal, die Strukturen in Collagna wirken viel zu gross, für das, was bleibt. Bezeichnenderweise ist ein Restaurant, das wir ansteuern, überhaupt nicht mehr als solches erkennbar.

Nun heisst es: Weiterfahren, solange es sein muss. Im Knotenort Busana werden wir fündig.

Im schönen Design-Hotel eines jungen Paars, das erst seit dem Frühjahr 2023 geöffnet hat, fühlen wir uns auch wegen des persönlichen Willkommenheissens direkt wohl. Ein Übernachtungstipp: Antica Locanda in Busana. Übrigens: die Mitbetreiberin Irene hat 10 Jahre in Lugano in der Hotellerie gearbeitet und freut sich, Schweizer IDs zu sehen.

Busana

Tag 6: Busana – Castelnovo ne Monti – Vetto – Verlano

Ein selbst ernannter Ruhetag, der sich dann doch wieder ganz anders entwickeln wird.

Wir steigen die Hauptverbindung hoch zu einem namenlosen Pass, der uns bald nach Castelnovo ne Monti führt. Mit einem solch schönen Namen wird dieses Städtchen sicher einiges zu bieten haben, daher haben wir es auch als Station unseres Ruhetags auserkoren. Doch Castelnovo ist nicht Bobbio und damit auch keines der “schönsten Dörfer Italiens”. Die vielerorts nur einrichtigen Verkehrsadern schrauben sich wie einem Kegel entlang langsam hoch, bis wir zu etwas wie zu einer Altstadt kommen. Hotels sind Mangelware, und die, die es gibt, sind schäbig oder überpreisig, wie es frei aus dem Englischen übersetzt hiesse. Die Stadt will nichts von uns, und wir nichts von ihr, doch wohin?

Für einmal hilft uns ein Zug, den wir seit dem Abfahrtstag nicht mehr taten. Eine Unterkunft festlegen, um dann den Raum dazwischen mit unserer freien Zeit zu füllen. Unser Booking.com-Kundiger frohlockt: Eine Unterkunft weit oberhalb des Enza-Tals, das mit einem präsentablen azurblauen Swimming Pool hervorsticht. Wir buchen je eine kleine Ferienwohnung dort auf diesem Gelände, es gibt aber nur Frühstück. Wir werden also später noch an einem Gemüsestand uns aufbessern, Risotto-Reis haben wir von Castelnovo mit dabei.

Nach einem Mittagessen in Vetto (wie immer solide, Menu del giorno mit drei Gängen) fahren wir runter zur “Cascada d’Enza”, eine schöne Badestelle, wo es sich den ganzen Nachmittag aushalten lässt.

Die Erklimmung des 150 Meter über den Tal ragenden Vorsprungs, wo sich der grosszügige Gutshof befindet, fordert uns nochmals die letzten Schweisstropfen ab.

Unterkunft: L’angolo di Verlano in Verlano.

Swimmingpool in den Hügeln

Tag 7: Verlano – Canossa – Parma

Es hat uns gut gefallen hier oben, alle berichten von einem tiefen Schlaf. Unsere Erkundigung nach dem Frühstücksbuffet, ob allenfalls für heute Freitag Nacht auch noch eine Bleibe drin läge, wird mit dem vollen Buchungsstand schnell beantwortet. Zwei von uns nehmen noch ein Abschiedsbad im Pool und weiter gehts.

Wir sind schon geübt mit Höhe halten. Nach einem kurzen, schweisstreibenden Anstieg durch einzelne Weiler bis nach Trinita, rollen wir nun hügelig langsam Canossa entgegen. Drei der Fahrenden waren beim selben Geschichtslehrer im Gymnasium, und weil dieser gerne mit begeistertem Ostschweizerdialekt die Schmach des büssenden deutschen Kaisers erzählte, blieb uns der Klang bis heute im Ohr, auf dem nun unseren Gang nach Canossa.

Die mit Burgen bestückten Hügelzügen gefallen uns sehr. Zum ersten Mal während der Tour sind Wolken aufgezogen, es windet angenehm, und das gibt der Landschaft den Schein von etwas Unzeitlichem, gar Vergangenem.

Gerne würden wir noch in der Höhe bleiben, doch das BnB bei Rossena überzeugt uns von der Lage her nicht. Wir essen ein letztes Mal fein in der freien Landschaft und stechen wieder hinunter zur Enza.

Über Ciano d’Enza, San Polo d’Enza nähern wir uns dem Parmeser Einzugsgebiet. Ein letztes wildes Baden in der Enza in einer Art trockenen Kreidelandschaft. Etwas untief, aber die Anstrengungen der ganzen Woche lassen uns im Seichtwasser träge machen oder gar an Land einschlafen.

Trinita
Die Burgen Roncaglio und Canossa
Fluss Enza

Dampfzugmässig fahren wir nun windschattenoptimiert Parma entgegen. Wir durchqueren Traversetolo, nehmen die letzten Mini-Anstiege bei Bannone, bis wir bei Panocchia nordwärts drehen und dem Kanal entlangsausen.

Mit viel Schwung und Freude über die glorreiche Stadtankunft, erreichen wir den Domplatz um 19 Uhr. Wir haben Glück, zu Ehren von St. Johannis (oder San Giovanni) werden heute überall in der Stadt Kräuter-Taschen serviert, Tortelli d’Erbetta. Wir bekommen rechtzeitig in einer einmalig aufgestellten Freiluft-Tisch-Meile noch einen Tisch und stossen auf die gelungene Tour an.

Hotel-Tipp: Hotel Torino, zentral in der Altstadt in einer ruhigeren Seitengasse, Einzelzimmer im sauberen Business-Look aufgefrischt.

Parma
Die bekannten Tortelli kommen im nächsten Gang, hier die Appetitanreger für Fleischesser und für Vegetarier

Gastautor Erich Schwarz

Zusammen mit dem anderen Gründungsmitglied, Thomas Gamma, fährt Erich seit 14 Jahren Sommer-Ferntouren. Von einer ehemaligen Hobbyfussballgruppe wurde der Name entlehnt: «Team Angst».

Seither sind sie meist zu dritt und 2023 zum ersten Mal zu viert unterwegs. In der Regel radeln sie einmal im Sommer während einer Woche.

Anfangs ausschliesslich in den Schweizer Pässen, erweiterte sich der Radius bis Südtirol, Veneto, Friaul und Österreich. Diese Alpentouren wurden nun mit neuen Gebirgen ergänzt: 2022 ein Abstecher in die Vogesen und 2023 nun zum ersten Mal der Apennin.


Herzlichen Dank, Erich, für deinen Artikel mit dieser aussergewöhnlichen und anspruchsvollen Route!