Bei allem, was du neu beginnst, machst du Fehler. Das ist normal. In diesem Artikel findest du die gesammelten Anfängerfehler auf Fahrrad-Reisen, die du so begehen kannst. Ich habe sie alle gleichzeitig gemacht. Ich wünsche dir, dass du dir den einen oder anderen ersparen kannst…

Von Null Erfahrung nach Vietnam

„Komm, wir fahren mit dem Velo nach Vietnam“, sagte mein damaliger Freund vor 15 Jahren. Plötzlich zeigte er sich radfreundlich.

Jahrelang war das Radfahren zu kurz gekommen, weil ich Ausbildung und Freund und Motorrad für wichtiger hielt. Dabei war ich schon immer ein Velo-Fan gewesen, hatte die ganze Reihe vom Dreirad über den roten Flipper mit Stützenrädern und das brandneue blaue Silux bis zum echten Rennrad durchgespult.

Nach der Nik Kershaw- und Rick Springfield-Phase hing sogar ein Plakat mit rosa Rennrad an meiner Kinderzimmerwand. Ein sehr schönes Velo war das.

Darum kam meine Antwort rasch und ohne Zweifel: „Ja, cool, wir pedalen nach Vietnam!“

Was wir in dieser bunten Aktion an Fehlern begangen haben, mache ich hier gerne publik. Vielleicht erspare ich dir damit Ärger, möglicherweise auch Geld.

Wir hatten schon einige Reise-Erfahrung mit dem Motorrad. Zweiräder lagen uns also. Mehr als einen Tag durch das hügelige Appenzellerland waren wir bis dahin allerdings noch nicht geradelt.

Was so eine Tour an körperlicher Belastung, Ausdauer und Wetterfestigkeit erfordert, erahnten wir ansatzweise. Allzu genau wollten wir es aber auch gar nicht wissen.

Rad-Kauf ohne Erfahrung und Infos

Tourenräder mussten her. Die besten, die wir uns leisten konnten. In einem Reisebericht eines Profi-Rad-Reisenden waren wir auf eine Marke aufmerksam geworden. Die schien gut zu sein, die wollten wir. Darüber hinaus informierten wir uns nicht.

Dafür achteten wir darauf, dass wir Räder der selben Marke kauften, damit Ersatzteile und Werkzeug für beide passten. Das war ja noch clever (nicht meine Idee).

Leider ging ich dadurch den Kompromiss ein, dass ich ein Herren-Fahrrad kaufte, das gerade so ok war. Beim Fahren war es recht bequem, ansonsten aber zu gross und zu schwer für mich. Da ich aber keinen Vergleich hatte, ahnte ich nicht, dass es für mich wesentlich passendere Gefährte gegeben hätte.

Premium-Ausrüstung kaufen

Für die grosse Tour kauften wir alles neu, da wir ausser Schlafsäcken und Kochzeug keine Ausrüstung hatten. Nur beste Qualität schien uns vertrauenswürdig, schliesslich musste die Ausrüstung bis Vietnam durchhalten.

Wir kauften:

  • Leichtes Zelt mit kleinem Packmass
  • Wasserdichte Radtaschen, zwei hinten, zwei vorne
  • Lenkertaschen
  • Packrollen für Zelt, Matten und Schlafsäcke
  • Kleidung: Radhosen, -T-Shirts, -Handschuhe, -Helme
  • Regenjacken und -hosen
  • Leichte Trekkingschuhe
  • Wasserfilter
  • Schloss
  • Ersatzteile

Nach dieser Einkaufstour blieb wesentlich weniger Geld für die Reise als wir ursprünglich angenommen hatten. Dass gewisse Dinge im Ausland günstiger gewesen wären, fiel uns im Kaufrausch nicht ein.

Keine Routenplanung

An diesem Fehler halte ich leider heute noch fest. Das exakte Planen interessiert mich nicht. Ich lasse mich gern dahin treiben, wo es gerade passt.

Deshalb wähle ich heute überschaubare Routen aus, bevorzugt dem Meer entlang, da gibts keinerlei Navigations-Schwierigkeiten. Dafür verpasse ich oft die bekannten Sehenswürdigkeiten oder muss grössere Umwege fahren, um zu ihnen zu gelangen. Ein bisschen verbessert hat sich die Sache, seit ich mich der App-Navigation anvertraue.

Für eine so grosse Tour wie Schweiz – Vietnam wäre es aber schon klug zu überlegen, durch welche Klimazonen man fährt, wann wo günstige Reisezeiten sind, für welche Länder man ein Visum braucht und wo man dieses bekommt. Da wir aber nicht die minimalste Erfahrung hatten, konnten wir nicht einmal abschätzen, wie weit wir ungefähr in welcher Zeit kommen würden, also war eine Planung sowieso hinfällig. Und interessierte uns eben auch nicht.

Untrainiert auf Tour

Natürlich gewöhnt sich der Körper während der Tour an die Anstrengung und wird automatisch fitter. Ein gewisser Konditions-Level hilft aber wesentlich, nicht gleich in den ersten Tagen in den Was-soll-das-eigentlich-Groove zu verfallen.

Meine ersten Tage auf der Tour nach Vietnam waren vorwiegend Qual. Ich erinnere mich an Steigungen, die ich der mangelnden Kondition wegen pedalend nicht zu bewältigen vermochte. Mir ging schlicht die Luft aus. Schieben war fast noch schlimmer, weil ich praktisch keine Muskeln hatte.

Der Puls pumpte mir toxische Gedanken durchs Hirn: „Was soll das alles? Ich wollte nie nach Vietnam! Wer kam bloss auf die absurde Idee, mit dem Fahrrad zu reisen?“

Den eigenen Körper nicht kennen: unterzuckert zu schnell unterwegs

Kennst du das: Friedlich gehts auf und ab, so ein sanftes Hügelfahren. Du bist ganz zufrieden, blökst den Schafen am Strassenrand zu, trällerst ein paar schräge Töne in den Wind, und zack!, überfällts dich: Schweissausbruch, zittrige Hände, die Beine kraftlose Anhängsel.

Heute weiss ich: Zuckertief. Also nein, anders: heute passiert mir das gar nicht mehr, weil ich die Zeichen viel früher erkenne und mich schon über die Kekse (oder die nächste Konditorei) hermache, bevor mich eine echte Schwäche befallen kann.

Damals, auf der Vietnam-Tour wurde ich fast täglich davon überrascht. Und wenn ich schon zittrig war, erholte ich mich kaum mehr. Feierabend.

Auch hatte ich keine Erfahrung, wie weit, wie schnell, wie lange ich fahren konnte. Entsprechend fuhr ich grundsätzlich das Tempo meines Freundes mit, was aufwärts immer zu schnell war. Für ihn übrigens auch, aber er hatte mehr Ehrgeiz als ich und liess sich nichts anmerken.

Das war alles nicht dramatisch, aber unnötig aufreibend und anstrengend. Da ich heute die Zeichen meines Körpers zu deuten weiss, kriegt er Energie nachgeschoben, wenn er darum bittet. Und Pausen, bevor er müde wird. Und den Fahr-Rhythmus, der zu ihm passt.

Cervelat-Käse-Hörnli vor dem Pass

Diese Lektion lernten wir schnell: Zum Mittagessen kochten wir uns eine zünftige Portion Cervelat-Käse-Hörnli. Das war lecker und gemütlich. Dass uns danach eine saftige Steigung erwartete, hatten wir auf der Karte übersehen.

Mit den vollen Bäuchen war der Anstieg kaum zu bewältigen: Bauchweh, Atemnot, komplette Trägheit, kleine frustgeladene Wutanfälle.

Seither gibt es Kekse zur Stärkung. Mittagessen fällt aus.

Gepäck für alle Fälle

Wieviele Kilos es waren, weiss ich nicht mehr, aber wir gaben das erste Übergewicht-Paket nach 4 Reisetagen an der Poststelle Pontresina (Engadin, Schweiz) auf.

Wir hatten für alle Fälle gepackt. Für kalt, kühl, frisch, lauwarm, angenehm, warm, heiss und Badewetter. Ich vor allem. Weil mir immer so schnell kalt ist.

Zu viel waren auch Bücher, Essen, gewisse Werkzeuge und Toilettenartikel.

Selbst mir wurde schnell klar, dass ich mit diesem Gewicht kaum je halbwegs entspannt eine leichte Steigung hochkommen würde, geschweige denn mal etwas Zünftigeres.

Das beladene Fahrrad war wacklig. Und weil ich derart untrainiert und die Gesamtfuhre viel zu schwer war, konnte ich bei Steigungen nur sehr langsam treten, womit alles noch instabiler wurde. Ich wackelte im Zickzack daher, die ganze Strassenbreite nutzend. Gefährlich war das. Und alles andere als vergnüglich. Bergab war ich dafür schnell. Sehr schnell!

Also: Minimal-Ladung. Im Interesse des Fahr-Spasses.

Falls du keine Ahnung hast, was das jetzt konkret bedeutet, guck dir doch gleich mal die Miss Move Packliste an. Da findest du Tipps, was du auf einer Fahrrad-Reise sinnvollerweise mitnimmst – und eben besser zuhause lässt.

Ach ja, wie wars eigentlich in Vietnam?

Ums kurz zu machen: Unsere Tour nach Vietnam endete in Ungarn. Am Plattensee. Immerhin hatten wir 2000 km in zwei Monaten geschafft. Überladen, unterzuckert, mit schmerzendem Knie, Sonnenbrand und Premium-Ausrüstung.

Die Tour an sich kann ich nur empfehlen: Vom Engadin dem Inn entlang bis nach Passau (eine Perle!), durch den Böhmischen Wald (ganz prächtig) durch Tschechien (was für eine friedvolle, ruhige Landschaft), die Slowakei (Bratislava war wunderschön, die Sommerhitze beeindruckend, das lieblose Essen auch) nach Ungarn (unvergesslich das Festival in Györ).

Und dann machten wir eine Schifffahrt auf dem Balaton, dem Plattensee, es nieselte ein wenig. Ich kann mich nicht erinnern, wer sich zuerst getraute, aber einer von uns liess einen leisen Zweifel am Fahrrad-Reisen verlauten. Sofort brachen alle Dämme.

Wir verliessen das Schiff, fuhren mit dem Zug heim, kauften uns einen kleinen Reisebus und fuhren damit nochmals nach Ungarn, dann über Rumänien, Bulgarien in die Türkei und durch den Nahen Osten bis ans Rote Meer.

Nie mehr Fahrrad-Reisen

Das wars vom Radfahren. Das teure Tourenrad verkaufte ich samt Packtaschen für einen Scherzpreis. Es hatte nie zu mir gepasst. Ich war sicher, dass ich nie wieder eine Rad-Reise machen würde.

Wunderlicherweise kam es doch anders. Wie so oft.