So habe ich mir meine Ferien vorgestellt. Sonne, Meer, schreiben, Rad fahren.

Drei Viertel von Sardinien habe ich umrundet. Begonnen in Olbia, der Küste entlang, das Meer immer zu meiner Rechten. Nur den Südwesten der Insel habe ich aus Zeitgründen ausgelassen (Zug von Oristano nach Cagliari).

Nach zweieinhalb Wochen Pedalen bin ich in Orosei angekommen, an der Ostküste Sardiniens, 100 km von Olbia entfernt, von wo meine Fähre zurück nach Genua fährt.

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1000 km in 14 Tagen. Das ist nicht viel. Leider habe ich keinen Höhenmeter-Messer bei mir. Damit liesse sich leichter prahlen. Ich weiss nur, dass ich an einem Tag 1300 und an einem anderen 1000 Höhenmeter aufwärts gefahren bin. An den übrigen Tagen auch genug. Nach 10 Tagen ohne Pause war ich platt.

Sieh dir hier meinen vollständigen Sardinien-Artikel im Velojournal an.

Sardinien hat mich einiges gelehrt:

 

Sardinien ist für Hartgesottene

Zweifelsohne etwas vom Schönsten, das Italien landschaftlich zu bieten hat. Noch nie habe ich so viele schöne Strände gesehen wie hier. Das Wasser ist so klar wie der Bach, der aus dem Morteratschgletscher fliesst. Nur wärmer und oft türkisfarben. Und gleich dahinter die Berge.

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Oder sagen wir: vom Meer gehts in der Regel senkrecht aufwärts, und in diese Steilwände haben mutige Sarden Strassen gehauen. Wo immer möglich, führt die Strasse ans Meer hinunter. Und gleich wieder ab auf den Berg. Das gibt ein munteres Rauf und Runter, vor allem Rauf.

Ich mag Aufstiege, ich fahre auch gerne Pässe. Aber steile Strassen mag ich gar nicht. GAR NICHT. Da komme ich nicht mehr nach mit Atmen. Die Kraft wäre nicht das Problem, aber das Atmen. Ein gewisses Tempo muss ich halten, damit ich nicht umkippe. Am schlimmsten ist steil, wenn nebenher noch viel Verkehr donnert. Und das Ganze gerne bei 38 Grad und von ein paar geselligen Fliegen begleitet.

Wo ein Aufstieg, da eine Abfahrt. Das Bici-Röckli flattert im warmen Wind, und schon ist meine kleine Welt wieder die beste von allen.

 

Sardinien ist nicht Italien

Doch. Ein bisschen schon. Immerhin kann ich mit fast allen Italienisch reden. Und „la crisi“ haben sie hier auch, und Italien ist auch hier am Untergehen, so dass die fähigen Jungen massenweise abwandern. Nach Grossbritannien, USA, Deutschland. Oder wenigstens auf den „Continente“, auf das italienische Festland.

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Soweit alles italienisch. Aber die Sarden sind anders. Weitaus verschlossner als die Festland-Italiener, denen ich begegnet bin. Lächelst du in Italien jemanden an, kommt in der Regel ein Lächeln zurück. Lächelst du in Sardinien jemanden an, zerschellt dein Lächeln an seinem Pokerface (Männer wie Frauen).

Willst du etwas wissen, musst du laut und deutlich fragen, was du willst. Hoffe nicht auf entgegenkommende Hilfsbereitschaft. Ist die erste Hürde der Kontaktaufnahme aber geschafft (hartnäckig dranbleiben), dann ist alles wieder ganz italienisch freundlich. Ein bisschen wie in der Schweiz.

Beispiel:
Auf einem Pass bin ich leicht besorgt wegen meiner Hinterbremse. Die hat mir schon immer Ärger bereitet, und die Aussicht auf 1000 Höhenmeter Abfahrt mit kaum funktionierender Hinterbremse ist gar nicht berauschend.
Ein Radfahrer steht herum, wartet offensichtlich auf jemanden. Beäugt mich kurz, tigert herum, telefoniert, tigert herum, beäugt mich kurz. Der könnte mir vielleicht helfen.
„Ist dir jemand abhanden gekommen auf der Passstrasse?“ Man braucht ja nicht immer sonderlich originell zu sein, wenn man Kontakt aufnehmen will.
„Ja, ich warte auf jemanden.“ Ende. Tigert herum. Doro abgeblitzt.
Der ist jetzt mit Warten beschäftigt, keine freie Kapazität für Hilfeleistung. Ich mache mich bereit für die Abfahrt – ich habe ja noch die Vorderbremse.

Dann die überraschende Wende. Plötzlich ist er ganz gesprächig:
„Ah, da kommt der Erste. Schau, jetzt fehlt nur noch einer.“ Ein zweiter Biker fährt heran, und schon sind wir mitten am Plaudern, als würden wir uns seit Tagen kennen. Der dritte Kumpel trifft kurz darauf ein.
„Meine Frau hat mich angerufen. Beim dritten Mal konnte ich den Anruf nicht mehr ignorieren.“ Breites Grinsen auf allen drei Gesichtern.

Ein lustiges Trüppchen. Sie geniessen ihr ehefraufreies Bike-Wochenende ganz offensichtlich.

Etwas später knien die drei Herren vor meinem Fahrrad, beratschlagen, testen, drehen an Rädchen, es ist eine Freude. Schade, dass ich mich in solchen Momenten nicht getraue, ein Foto zu machen. Meine Hinterbremse zieht wieder anständig.

Dafür werde ich in der Hälfte der Abfahrt gnadenlos verregnet. Kurz davor siehts so aus:

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Allein per Fahrrad reisen ist grandios

Die Frage nach dem Alleine-Reisen kommt ganz zuverlässig jeden Tag. Alleine zu reisen ist eine Unerhörtheit, die die Italiener kaum eingeordnet bekommen. Die nördlicheren Europäer eher. Aber auch bei ihnen immer grosses Staunen. Mutig. Haha, ich und mutig. Das Angst-Thema hatten wir ja schon mal hier.

Kleine Szene in einem Pizza Take-away.
Ich trete ein. Pizzaiolo:
„Wieviele Pizze?“
„Eine.“
„Eine? Bist du allein?“
„Ja.“
„Hahahahahahahahahaha. Hahahahahahaha…“ Der Kerl kriegt sich fast nicht mehr ein vor Lachen.
„Ist das lustig?“
„Hahahahahah. Ja. Hahahah. Sonst kommt man immer in Gesellschaft, oder? Hahahaha.“
Zugegeben, er ist nicht der klügste Mensch, den ich je getroffen habe. Aber trotzdem…

Aber nein, auch dieses Mal: ich bin gern alleine unterwegs, komme mit so vielen verschiedenen Leuten ins Gespräch.

Vielleicht ists wegen dem Velo oder meinem Wackel-Italienisch, dass sie mir in kürzester Zeit alles erzählen, was mich so interessiert. Wo sie leben, was sie im Winter arbeiten, wieviele Kinder sie haben, wo die Frau arbeitet, warum die Sarden so verschlossen sind, warum es nicht regnet, wenn der Maestrale bläst, wie es um die italienische Wirtschaft steht, warum Merkel an allem Schuld ist, wo das mineralreichste Wasser zu bekommen ist, …

Lies gerne mehr zu meinen lustigen Sardinien-Begegnungen!

Rad-Reisen ist ein Vollzeitjob

Das weiss ich schon lange. Aber jedes Mal stelle ich mir vor, dass ich kurze Etappen fahre, um 14 Uhr auf einem hübschen Campingplatz ankomme und dann viiiiel Zeit habe für Ferien: den Ort erkunden, Museen besuchen, nichtstuend aufs Meer gucken, schreiben, bloggen, lesen, mit Leuten plaudern, den Mond bestaunen, gut essen, was weiss ich was alles noch.

Die Realität sieht eher so aus:

  • 7 Uhr aufstehen, Katzenwäsche
  • Zelt abbrechen, Fahrrad packen, losfahren
  • Bar suchen, „frühstücken“ (Espresso mit etwas Süss-Fettigem), mit dem Barista plaudern
  • Fahren, fahren, fahren
  • Fotos machen
  • Steil aufwärts fahren, abwärts fahren, aufwärts, steil aufwärts, steil aufwärts, aufwärts
  • Nach dem Weg fragen, plaudern
  • Fahren
  • Kekse essen
  • Abwärts flitzen, fahren
  • Weg suchen
  • Zweiter Kaffee und / oder Fanta
  • Fahren
  • Karte studieren, um einen Übernachtungsplatz zu orten
  • Fahren, fahren, fahren
  • Ankunft auf dem Campingplatz um 16.30 Uhr herum
  • Einchecken
  • Für einen Platz entscheiden (ganz schwierig, weil entscheiden in müdem Zustand noch schwieriger ist als sonst schon)
  • Entscheiden, wie das Zelt auf dem Platz stehen soll
  • Zelt aufstellen, alles einrichten
  • Duschen, Kleider waschen
  • 18.30 Uhr: Kohldampf, Riesenhunger, gleich kippe ich um vor Hunger.
  • Nahrungssuche im nächsten Ort
  • Und wenn ich dann irgendwann gegessen habe, kippe ich sofort ins Bett

Schon wieder ein Tag um ohne Ort erkunden, nichtstuend aufs Meer gucken, schreiben, bloggen, …