Diesen Artikel habe ich in Zusammenarbeit mit meinem Freund und ehemaligen Jakobsweg-Gefährten Daniel verfasst. Seine Kommentare im Originalton erscheinen hier kursiv und blau.


 

Vor einigen Wochen haben Daniel und ich uns für ein Fahrrad-Wochenende im Schwarzwald getroffen. Offenburg schien uns ein guter Treffpunkt: etwa auf halber Strecke zwischen unseren Wohnorten, mit guten Zugverbindungen und nahe zum Schwarzwald.

 

Ich treffe eine Stunde zu spät in Offenburg ein. Mein Fehler, mit den Zahlen hatte ichs noch nie so. 10.59 ist näher bei 11 als bei 10 Uhr. Das ist mir im Nachhinein natürlich schon klar.

 

Auch im Schwarzwald verlaufen historische Jakobsweg-Routen

 

Daniel nimmts gelassen oder lässt mich seinen Unmut nicht spüren. In der Warte-Stunde hat er ausführlich gefrühstückt und eine Fahrrad-Karte der Schwarzwald-Region gekauft, auf die er sehr stolz ist. In der Tat ist sie eine auffallend schöne Karte. Mit Schutz-Beschichtung gegen jegliche Umwelt-Katastrophen, die da draussen lauern.

 

Kinzig-Tal

Dank dieser Wunderkarte wissen wir auch bald, in welche Richtung wir fahren müssen: Immer der Kinzig folgen. Schön ebenaus, keine plagende Aufstiege. Im Kinzig-Tal kommt man an Orten vorbei, die heissen Gengenbach, Biberach, Haslach, Wolfach.

Genau da, in Wolfach geschieht es:

Ein Wegweiser zur „Mineralienhalde“. Sogleich bedrängt mich eine Reihe von Fragen:

  • Mineralien auf der Müllhalde? Müllhalden sind die einzigen Halden, die ich kenne. Vom fernen Ausland.
  • Was ist überhaupt eine Halde?
  • Mineralien? Gehören doch ins Mineralwasser. Was wollen die auf der Halde?
  • Und überhaupt, warum brauchts dafür einen Wegweiser, wen interessiert das schon?

Auf dem Fahrrad hat man ausgiebig Zeit, solche Eindrücke vor- und rückwärts durchzudenken.

 

„Was ist eine Halde?“

Daniel scheint sich über meine Frage zu wundern: „Weisst du nicht, was eine Halde ist? Gibts das bei euch in der Schweiz nicht?“

„Nein, Halden gibts in der Schweiz nicht.“ In meiner Welt nicht.

Er: „Eine Halde ist eine Anhäufung von Material. Wollen wir uns die Mineralienhalde ansehen?“

Na, so sehr interessiert mich diese Halde auch wieder nicht. Mir ist eher nach Kaffee und Kuchen. Aber etwas Neues sehen schadet nie, und so fahren wir den Umweg zur Halde, zur Mineralienhalde von Wolfach.

Ein Steinhaufen ist es. Sieht aus wie im Steinbruch, ausser dass kein Berg rundherum steht. Eine Mineralienhalde ist eine Ansammlung von hingeschüttetem Geröll, an dem angeblich Mineralien kleben.

Mineralienhalde = Geröllhaufen

Mineralien?

 

 

 

 

 

Und da ist was los, auf dieser Mineralienhalde. Samstag Nachmittag, und halb Süddeutschland (inklusive zahlreicher europäischer Nachbarn) gräbt in Steinhaufen, hämmert auf Steinen herum und guckt sich das zertrümmerte Ergebnis mit der Lupe an.

Laut Werbebroschüre handelt es sich bei der Grube Clara um die mineralienreichste Grube der Welt. Und der Ausschuss dieser Grube landet dann auf besagter Halde.

Ich fühle mich leicht deplatziert mit meinem Bici-Röckli, aber Daniel ist in seinem Element und interessiert sich sehr für die Steine. Vielleicht im deutschen Gen enthalten, dieses Interesse, denke ich noch.

Und dann erklärt er mir endlich, dass er diese Steine für seine Bilder braucht.

Daniel ist neben seinem Brotjob Künstler. Er macht aus diesen Steinen Bilder.

Eine meiner Vorlieben sind Motive von prähistorischen Höhlenmalereien. Hier siehst du eine Gruppe von Löwen aus der Grotte Chauvet in Südfrankreich:

Löwen-cut

 

Deswegen gehört Daniel auch zu den Steineklopfern. Um die Farbe für seine Bilder zu fabrizieren, sucht er in der Natur (z. B. auf einer Mineralienhalde) oder in spezialisierten Geschäften nach passenden Steinen. Mit Hammer und Amboss zerkleinert er die Steine, siebt und wäscht alles, und damit hat er das Grundprodukt für seine Farbe.

„Vom Klopfen bis zum Bild ist ein langer Prozess. Ich kommuniziere mit den Steinen. Manche sind elend hart, manche tun nur so.„, sagt er. „Jede Reise ist auch eine Suche nach Steinen.“

Meine zweite Vorliebe gilt dem Jazz und dessen Meistern. Hier zum Beispiel Sam Jones. Gefertigt mit der gleichen Technik wie das Löwen-Bild oben, aber halt ausschließlich mit schwarzen und weißen Mineralien.

Toll! Langsam erkenne ich den Sinn der Mineralienhalde.

 

Frau Storz

Nach dem Abenteuer Mineralienhalde finden wir in Schiltach einen reizenden Übernachtungsplatz bei Frau Storz.

Frau Storz ist eine sympathische ältere Frau. Eine von diesen starken Frauen, die alleine eine Pension betreiben, viel arbeiten und hervorragende Gastgeberinnen sind.

Eine grosszügige Wohnung auf einer ganzen Etage steht uns zur Verfügung. Alles blitzsauber. Küche, Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer, ein hübscher Balkon. Und dafür bezahlen wir nur 44 €. Pro Zimmer, nicht pro Person. Frühstück inbegriffen. Hier lässt sich gut und preisgünstig Ferien machen.

Nachtessen gibts im Gasthof Zur Alten Brücke. Wie in einem britischen Pub kommts mir da vor. Das Essen ist ähnlich schwer, die Bedienung aber sehr freundlich und der Stammtisch voller junger Menschen je länger je lauter.

 

Sonntagsidylle

Wir frühstücken zeitig, Frau Storz muss um neun Uhr los. Gut für uns, dann können wir diesen prächtigen Sonnentag voll ausnutzen.

Heute nehmen wir ein kleines Strässchen, das aus dem Kinzig-Tal abzweigt. Was für ein friedlicher Morgen: Kirchengeläut, taunasse Wiesen, grasende Kühe, Vogelgezwitscher. Die totale Idylle. Wir pedalen so dahin, immer leicht aufwärts, dann folgt ein kleiner Pass.

 

Wo wir dann sind, weiss keiner mehr. Die hübsche Karte von Daniel erweist sich plötzlich als inhaltlich fragwürdig, und die “Einheimische” auf einem Bauernhof kennt sich auch nicht so ganz aus. Daniel hört, dass sie nicht aus der Region ist – ich höre nichts dergleichen. Deutsch halt.

Hätte die PUBLICPRESS Radwanderkarte 🙁 nicht an entscheidender Stelle geschwächelt, hätten wir diesen Stausee an der oberen Kinzig besucht. Ich war einige Tage später nochmals dort, um den Irrtum zu klären.

Das wäre er, der Stausee, den ich nie gesehen habe:

 

Statt zum Stausee hat uns die freundliche Dame allerdings zu einem leckeren Gasthof gelotst. Zielsicher. Ohne Karte. Schon bald sitzen wir an einem Tisch im Freien, im Schatten eines Baumes, Sauerbraten und Riesensalat vor uns und haben endlich Zeit zum Plaudern. Und zum Streuselkuchen-Essen. 

Einen Großteil der Zeit verplempern wir allerdings mit Gezänke darüber, dass Prinzessin Move doch von ihrem hohen Ross steigt und mit mir den Sauerbraten teilt, solange ihr Salat noch immer nicht gebracht wird!

Weil wir so viel zu bereden haben, wird die Zeit plötzlich knapp. Es ist Sonntag Nachmittag, und wir haben beide eine mehrstündige Zug-Reise vor uns, bis wir zu Hause sind. Also fahren wir das Kinzig-Tal zurück, wie wir gekommen sind. Am Bahnhof Hausach trennen sich unsere Wege.

Schön wars, danke, Daniel.

 

Der Helm

Dieses Foto zeigt unsere Heldin des Blogs in ihrem aparten Bici-Röckli. Leider vermissen wir ihren Helm. Damit sieht sie einfach umwerfend aus. Wenn man sie mit Helm sieht, könnte man meinen, Fahrrad- pardon! Velohelme seien für ihr Haupt eigens erfunden. Sogar der Gott des Fahrtwindes neigt sich ihr anerkennend entgegen, sobald sie mit ihrem Helm unterwegs ist.

Danke Miss Move für Deine Gesellschaft. Freue mich schon auf unsere nächste Tour.

Und auf ein Foto von Dir mit Helm!