*** Die Reise Schweiz – Palermo per Fahrrad habe ich bereits im Jahr 2013 gemacht – es war meine erste längere Velo-Solo-Reise. Entsprechend viel Ungeschicktes habe ich da getan, entsprechend viel Spannendes habe ich leider auch verpasst. Und von Fotografieren hatte ich auch noch keine Ahnung. Trotzdem bleibt die Reise unvergesslich und prägend – und gehört darum zu Miss Move. ***

 


 

Wieso ist der Zug bloss so voll mit Radfahrern? Was wollen die alle im Engadin? Ich sitze im Zug ins Engadin, voller Vorfreude auf meine Reise Schweiz – Palermo per Fahrrad, und ich wundere mich.

Miss Moves Super-Timing

“Ah, gehst du auch zum Stelvio?”, fragt mich ein ebenso Mittelalterlicher wie ich es bin im überfüllten Zug. “Stelvio? Nein, ich fahre nach Palermo.”
Dann klärt mich der Herr auf, dass an diesem Wochenende die Passstrasse aufs Stilfserjoch für Motorfahrzeuge gesperrt ist. Freie Bahn für Radfahrer.

Gut, ich werde bald wieder meine Ruhe haben. Die Stilfserjochfahrer werden ja wohl kaum auf dem Campingplatz in Scuol übernachten.

Aber der ist auch überfüllt mit Radfahrern. Eine lustige Festivalstimmung herrscht da. Als ich wissend erwähne, dass sie wohl alle aufs Stilfserjoch fahren werden, lacht mich einer aus und sagt: “Nein, wir sind Mountainbiker und fahren morgen den Nationalpark Bike Marathon. Der findet jedes Jahr statt, kennst du ihn etwa nicht?”

Nein, kenne ich nicht. Für den Start zu meiner grossen Radtour nach Palermo habe ich mir ausgerechnet das Wochenende mit zwei Gross-Events im Engadin ausgesucht.
Gutes Timing, Miss Move!

 

Unterengadin

 

In dieser Nacht bin ich froh um meinen dicken Schlafsack. So warm die Tage Ende August sind, die Temperatur fällt nachts gegen Null Grad.
Mit Handschuhen und Vollmontur rolle ich am nächsten Tag das Unterengadin hinunter, passiere die Grenze nach Österreich in Martina, strample die Strasse zur Norbertshöhe hinauf, flitze hinunter nach Nauders und bin kurz darauf auf dem Reschenpass in Italien.

 

Südtirol für Anfänger

Was für ein Radweg! Und was für ein Wetter. Und wie viele Leute hier unterwegs sind. Und ja, ich weiss schon, österreichische Vergangenheit und so, aber das Südtirol hat optisch und gefühlsmässig mit Italien so viel zu tun wie Bergün mit Lugano.

Aber jetzt im Ernst: dieser Radweg vom Reschenpass hinunter nach Verona ist der absolut perfekte Einstieg, wenn du schon lange einmal daran gedacht hast, eine Velotour ausserhalb der Schweiz zu machen. Du befindest dich auf der Via Claudia Augusta, die über 700 km von Donauwörth in Bayern an die Adria führt.

Hier triffst du die perfekte Radfahrer-Infrastruktur an: alle 3 Meter einen Fahrrad-Mechaniker, hübsche Cafés, Besenbeizen und Rastplätze mit Brunnen am Wegrand, beschauliche Dörfer, in denen es unzählige Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Und der Radweg könnte nicht besser beschildert sein. Fährst du vom Reschenpass südwärts, gehts locker abwärts.

Und das alles in prächtigem Bergpanorama.

Für mich ists das perfekte Einrollen für meine lange Fahrt von der Schweiz nach Palermo.

 

Via Claudia Augusta

Die erste Übernachtung in Italien erschreckt mich erst mal: auf dem Campingplatz von Prad will mich Frau Reception erst mal abweisen. Der Camping sei voll. Ach, aber für ein kleines Zelt ist doch sicher noch Platz…?

Nach langem Hin und Her finde ich tatsächlich noch ein Restplätzchen, mit dem ich ganz zufrieden bin. Und wundere mich, warum da so irre viele Zelte stehen. Die beste Openair-Stimmung, chaotisch, lebendig, bunt. Mir gefällts, auch die vielen Velos. Ist ja logisch, wenn man an diesem tollen Radweg ist, hats eben auch viele Radfahrer, die hier übernachten.

Erst als ich Cristian aus Verona kennenlerne, verstehe ich: In Prad, wo ich zufällig für diese Nacht gelandet bin, beginnt die Stilfserjochstrasse.

So treffe ich also die gleiche Radfahrer-Meute wieder, der ich bereits im Zug ins Engadin begegnet bin…

Cristian hat auch an dem Anlass teilgenommen, hat den Pass überquert und viel Spass gehabt. An diesem Abend findet im Ort ein Fest für alle Teilnehmer des Stilfserjoch Radtags statt. Cristian und ich feiern mit einem Bier ein bisschen mit.

Am nächsten Morgen frühstücken wir zusammen, und Cristian nimmt mir das Versprechen ab, dass ich mich melde, wenn ich in ein paar Tagen in Verona ankomme, damit er mir seine Stadt zeigen kann.

Via Claudia Augusta

Der untere Teil des Südtirol ist schnell abgespult.

An Bozen schramme ich vorbei, erkenne aber immerhin so viel Hübsches davon, dass es auf die Liste von “einmal näher besuchen” kommt.

In Meran fällt mir das hohe Durchschnittsalter der Spaziergänger auf. Hier hats doch bestimmt ein Kurbad. (Ja, hats, sehe ich später.)

Und endlich, endlich, sobald ich die Grenze zur Provinz Trento überfahre, beginnt das echte Italien-Gefühl. Der Kaffee wird besser und günstiger, die Menschen sprechen nur noch Italienisch, die Schilder sind einsprachig beschriftet.

 

Verona

Der Campingplatz von Verona ist ein Bijoux. Davon hat Miss Move im Slowenien-Artikel schon berichtet.

Campingplatz Verona

Aussicht vom Campinplatz auf Verona:

Verona
Cristian ist zurück im Arbeitsalltag, nimmt sich aber am Abend Zeit, mir Verona zu zeigen. Die Stadt erschlägt mich fast vor Touristen. Die Gassen der Altstadt sind voll.

Cristian nimmts gelassen, beschert uns mitten im Rummel einen Aperitiv und erzählt mir Geschichten. Ich bin selig.

Verona

 

Verona

 

Verona

 

Später beim Abendessen in einem kleinen Lokal wird er etwas wehmütig, weil er auch so gerne mit dem Fahrrad reisen möchte, aber einfach nie so viel Geld ansammeln kann, um sich den Traum zu erfüllen. Ich sage, was ich in dieser mir mittlerweile so vertrauten Situation zu sagen pflege:

“Beginn doch einmal mit einem langen Wochenende hier in dieser Gegend. Wenn du im Zelt oder unter freiem Himmel schläfst und Essen im Supermarkt kaufst, ist das nicht teuer.”

Cristian zuckt nur mit den Schultern. Ich kenne seine Situation nicht genau, er lässt sie verschleiert. Er ist wohl der einzige Mensch, dem ich unterwegs begegne, dem nicht zu entlocken ist, was er arbeitet, bzw. was er den ganzen Tag so tut.

Nach dem letzten Absacker in einer Bar, fährt mich Cristian mit dem Motorrad durch das nächtliche Verona, hinauf zum Campingplatz. Wir verabschieden uns. Auf irgendwann wieder…

Am nächsten Morgen lasse ichs mir erst mal in diesem gemütlichen Café gut gehen:

Verona

 

Verona

 

Ebene

Da mir Cristian dringend empfohlen hat, den Radweg dem Fluss Mincio entlang  zu fahren, mache ich die Ecke nach Peschiera del Garda. Der Weg dahin ist 30 km schnurgerade, hässlichste Lastwagenstrecke.

Danach wirds aber wirklich schön. Ein gepflegter Radweg führt mitten durch die Natur, immer dem Fluss entlang.

Radweg Mincio

Ganz reizend ist der winzige Ort Borghetto sul Mincio, wo der Fluss fester Bestandteil des Ortes ist. Häuser sind auf eine Brücke gebaut und du triffst an jeder Ecke auf eine Wassermühle.

Borghetto sul Mincio

 

Borghetto sul Mincio
Mantova ist eine attraktive Stadt umgeben von viel Wasser. Ein Literaturfestival ist in diesen Tagen im Gange, eine Band spielt vor dem Dom. Die entspannte Sommerstimmung begleitet mich an diesem Abend auf meinem Rundgang durch die Altstadt.

Mantova

 

Mantova

 

Nach Mantova stelle ich mich widerwillig der Ebene. Die mag ich bekanntlich nicht so. Und auch dieses mal ists die pure Qual.

Nachdem ich den Po überquert habe, verliere ich augenblicklich die Orientierung. Wegweiser sehe ich bloss für Nester, die auf meiner Karte nicht zu finden sind, und so drehe ich mich einmal wacker im Kreis, bis ich wieder an der selben Kreuzung stehe.

Po-Ebene

Ab 11 Uhr morgens ist die Hitze selbst für meine Begriffe kaum auszuhalten. 10 km vor Carpi ist mir, als würde ich langsam aber sicher wegtreten. Ich strample in einer merkwürdige Trance ziemlich gleichgültig vor mich hin. Gut möglich, dass ich gleich tot vom Rad falle, kriecht ein Gedanke durch mein Hirn. Und das ist irgendwie ok, beunruhigt mich nicht weiter.
In einer Bar trinke ich einen Liter Cola und komme allmählich wieder zu mir. Ich will dann doch noch nicht sterben und beschliesse, mir die Ebene zu sparen.

Totale Planänderung: ursprünglich hatte ich vor, dem Radweg Eurovelo 7 zu folgen: von Modena nach Florenz und weiter südwärts. Aber jetzt ist mir das egal, ich will ans Meer, und ich will zügig südwärts kommen.

Deshalb nehme ich den Zug nach Parma. Und weils gerade so einen komfortablen Anschluss hat, nehme ich gleich noch einen Zug nach Santo Stefano di Magro (nahe La Spezia).

Das bereue ich dann später sehr, weil ich dadurch den Passo della Cisa verpasse. Aber an jenem Tag passts so. Von Santo Stefano aus rolle ich vergnügt dem Meer entgegen.

Endlich, endlich, das Meer!

Tellardo

 

Tellardo

 

Tellardo

 

In Ameglia finde ich einen Campingplatz, und am nächsten Tag bin ich entzückt über die Panoramastrasse über Montemarcello nach Tellardo. Diese Extraschlaufe mache ich nur deshalb, weil ich warten muss: am nächsten Tag treffe ich einem Freund in Marina di Carrara.

 

Öde Küstenstrasse

In Marina di Carrara treffe ich einen Freund, der mit dem Fahrrad Richtung Elba unterwegs ist. Wir wollen das kurze Stück nach Livorno zusammen fahren. Kaum finden wir uns auf dem unübersichtlichen Lungomare, geht ein Gewitter nieder, das so seine Spuren hinterlässt:

Marina di Carrara

 

Die Strecke ist anfänglich erstaunlich unattraktiv. Wie so oft erwarte ich mir von Küstenstrassen tolle Blicke aufs Meer – und bin dann enttäuscht. Was wir hier sehen, sind zugebaute Eingänge von Strandanlagen, Parkplätze, Bahngleise, Industriegebäude, Einkaufszentren. Selten mal ein Stückchen Meer. Öde Gegend.
In Livorno verabschieden wir uns. Mein Freund nimmt hier die Fähre nach Elba, ich fahre weiter südwärts.

Follonica

Zwischen Follonica und Orbetello fahre ich durch Pinienwälder, dann wieder dem Meer entlang, ein wahrer Genuss – die Maremma eben.

Ganz besonders schön finde ich Castiglione della Pescaia, dessen Altstadt zwar beschwerlich zu erklimmen ist, von wo aus ich aber einen Prachtsblick über die gesamte Küste geboten bekomme.

 

Castiglione della Pescaia

 

Ab Grosseto wird es mit der Via Aurelia richtig ungemütlich. Zwar als Hauptstrasse auf der Karte markiert, ist die Via Aurelia faktisch eine 4-spurige Schnellstrasse, auf der Fahrräder verboten sind. Alternativ könnte ich ins Landesinnere in den Appennin fahren und höllisch Höhenmeter abspulen.

Im Nachhinein würde ich sagen: ja, tu das, fahr ins Landesinnere, da ist es schöner und friedlicher. Ich bin aber immer noch getrieben von der Idee, rasch nach Süden zu gelangen, keine Zeit zu verlieren. So fahre ich stundenlang auf dieser grauenhaften Schnellstrasse und habe gar keinen Spass. In der Rückschau ziemlich hirnverbrannt – aber ab und zu greift man eben in seinen Entscheidungen leicht daneben. Oder passiert dir das etwa nie…?

 

Viterbo

In Viterbo reichts mir dann. Bis Rom ändert sich nichts an der Strassensituation – im Gegenteil, es wird noch ärger.

Das ist jetzt der Preis dafür, dass ich nicht richtig geplant habe. Wäre ich von Anfang an im Landesinnern gefahren, hätte ich mir viel Ärger sparen können.

So nehme ich also den Zug von Viterbo nach Rom und um die Grossstadt zu umfahren gleich weiter nach Napoli.

Lies weiter: zum Südteil der Reise Schweiz – Palermo per Fahrrad