Den Nordwesten von Sizilien habe ich bereits durchpedalt. Jetzt befinde ich mich in Sciacca, im Westen und fahre weiter südwärts.

Scala dei Turchi

Nach Sciacca finde ich erst mal nichts Hübsches zu fahren. Staatsstrasse der hässlichen Art. Keine Autobahn, die mir Lastwagen und Eilige vom Hals halten könnte. 30 Kilometer freudlose Plackerei.

Heute weiss ich, dass es parallel zur Staatsstrasse einen Radweg (Ciclovia SIBIT) gibt, der bestimmt durch wunderschöne Landschaft führt. Allerdings wirst du es da mit einigen Höhenmetern zu tun bekommen, und vermutlich ist der Radweg nicht asphaltiert. Leider bin ich den Weg nicht gefahren und kann dir keine Auskunft geben, wie gut er mit bepacktem Tourenrad zu befahren ist.

Kurz vor der Scala dei Turchi treffe ich wieder auf den Radweg, und dann wirds richtig prächtig. Dass mir ein 20-Jähriger auf seinem Scooter nachstellt, ärgert mich. Mit ein bisschen Abstand von der Szene finde ichs rührend, dass dem Kleinen der Aufwand wert ist, mich so ausdauernd zu verfolgen.

Meine Seele ist noch gestresst von der Höllenfahrt der letzten zwei Stunden. Die Blumen, die Wärme und das nahe Meer besänftigen sie nur langsam.

Sizilien per Fahrrad

Die Scala dei Turchi (Deutsch: Treppe der Türken) ist ein weisser Felsen, der sehr an die weissen Felsen von Pamukkale in der Türkei erinnert. Nur ist es hier wesentlich ruhiger. Jetzt jedenfalls, im April. Im Sommer wird auch hier zünftig Betrieb sein.

Meinem superjungen Verfolger ist kein Aufwand zu gross: auch er parkt sein Gefährt bei der Bar, von der aus der Fels zu Fuss erreicht werden kann. Solange er mir folgt, klaubt er wenigstens nicht an meinem Fahrrad oder Gepäck herum.

Wie erholsam es ist, am Strand entlang zu gehen, die Sonne scheint warm, das Meer ist ganz ruhig. Einzelne Touristen besteigen ebenfalls den weissen Felsen.

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Durch Siziliens Westen per Fahrrad

 

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Siziliens Westen per Fahrrad

Durch Camilleris Vigàta nach Agrigento

Jetzt freue ich mich auf Porto Empedocle. Der Ort, an dem Andrea Camilleris Held, Commissario Montalbano, wohnt. In Camilleris Krimis heisst der Ort Porto Empedcole: Vigàta.

Aber, oje, wie so oft bei hohen Erwartungen: ich kann Porto Empedocle gar überhaupt nichts Nettes abgewinnen. Hässlich ists. Oder sagen wir fairerweise: ich kann den schönen Teil von Vigàta nicht finden.

Darum pedale ich rasch weiter ins nahe Agrigento. Hier gibts einen Campingplatz. Beschildert ist wie üblich nichts.

Es gilt auch erst einmal zu verstehen, dass die Stadt Agrigento auf 230 Metern über Meer, 4 Kilometer von der Küste entfernt liegt. Das bekannte Tal der Tempel von Agrigento hingegen liegt der Stadt zu Füssen, auf halbem Weg zum Meer.

Der Campingplatz Valle dei Templi liegt 500 Meter von Agrigentos Hafen San Leone entfernt.

Kannst du dir vorstellen, wie selig ich bin, als ich endlich, am 9. Tag meiner Reise, mein Zelt aufstelle und mir die warme Sonne aufs Fell brennen lasse? Dass ich nachts fast erfriere, weiss ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht…

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Im Tal der Tempel von Agrigento

Tiefgefroren von der eisigen Nacht taumle ich morgens aus dem Zelt. Himmel, es ist April in Sizilien. Wer würde da mit Minustemperaturen rechnen?! Sei du schlauer als ich und rechne damit!

An der Morgensonne taue ich langsam auf. Gleich nach Öffnung der Tore bin ich im Tal der Tempel, wo sich die Ruinen der antiken griechischen Stadt Akragas befinden. Einen Tag lang bin ich hingerissen von allem, was dieses „Tal“, das eigentlich eher ein Hochplateau ist, zu bieten hat.

Das Gelände ist riesig. Wie entspannend, als Ausgleich zum Pedalen wieder einmal zu Fuss unterwegs zu sein. Ich laufe und laufe und laufe und geniesse das noch ruhige Gelände, die Oliven- und Mandelbäume, die grandiosen antiken Bauwerke und die Weitsicht über Agrigento und die Küste.

Im folgenden Bild siehst du im Hintergrund das, sagen wir, mässig attraktive Porto Empedocle (Vigàta):

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Sizilien per Fahrrad

 

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Der Garten von Kolymbetra

Am späteren Vormittag werden mir die Touristenmassen zu viel. Glücklicherweise stolpere ich über den Eingang zum Garten von Kolymbetra, der sich in einer Talsenke neben den antiken Überresten erstreckt.

Der Duft in diesem Garten ist betörend. Orangenblüten, Jasmin und mir völlig unbekannte Blüten versüssen den Weg.

 

 

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Siziliens Westen per Fahrrad

Am Abend pedale ich mit dem Fahrrad nach Agrigento, weil ich neugierig bin, was für ein Ort das ist. Uff, steile Geschichte. Verwinkelt, alles an den Hügel gebaut, hübsche Ecken, aber auch sehr düstere.

Auf der Abfahrt friere ich fast am Fahrrad fest. Dafür bietet sich mir ein kitschig-rosa Abendbild:

Siziliens Westen per Fahrrad

 

Und jetzt schau mal, was mir am nächsten Morgen auf der Weiterfahrt durch Siziliens Westen geboten wird:

Siziliens Westen per Fahrrad

Hinreissend.

In Licata hätte es einen Campingplatz. Also, es hat einen, der eigentlich ab April offen ist. Aber er ist doch nicht offen, weil irgendwas Technisches nicht tut wie es soll.

Nach langem Betteln erhalte ich die Genehmigung, über Nacht zu bleiben.

Das bereue ich schon fast wieder, als ich unter der eiskalten Dusche stehe. Nachts ists auch eher ungemütlich auf diesem ausgestorbenen Platz, aber ich überlebe und muss keinen Cent für diese Übernachtung bezahlen. Das schätze ich.

Der Morgen erwartet mich ganz blau:

Sizilien per Fahrrad

Gleich in der ersten Bar kriege ich – rate mal was?

Ein Croissant mit WARMER Pistaziencrème!

Jetzt mal im Ernst: falls du noch nie auf Sizilien warst, geh nur schon der Pistaziencrème wegen. Übrigens bin ich bis zum Ende dieser Reise nicht in der Lage, diese gefüllten Croissants auch nur halbwegs würdig zu essen. Vor allem, wenn die Crème warm – und darum ziemlich flüssig – ist, läuft sie mir schon beim zweiten Biss über die Finger, tropft auf den Boden, über das T-Shirt und was weiss ich, wo sie sonst noch landet. Der Barista grinst, ich schwelge im Pistazienglück.

Nach dieser Stärkung schaffe ich auch die Umfahrung des überaus hässlichen Industrieteils von Gela. Düstere Wolken wabern um die Riesenraffinerie. Nix wie weg hier.

Jetzt pedale ich vom Westen Siziliens ins Landesinnere, und dann in den Süden.