BariAlberobelloTarantoGallipoliSanta Maria de Leuca: 10 Fahrrad-Tage Apulien südwärts. Ich bin noch nicht sonderlich weit Rad gefahren. Aber erlebt habe ich schon einiges.

 

Bari

Die Zugfahrt nach Bari habe ich ja schon ausführlich beschrieben. Am nächsten Morgen darf ich endlich wieder auf den Fahrrad-Sattel.

Bari

Bari, dekoriert für das Fest von San Nicola

Als ich am ersten Tag aus dem B&B in Bari trete, fallen mir als erstes die Dauenenjacken auf, die die Leute tragen. Die Luft ist noch etwas kühl, ansonsten würde ich sagen: ein warmer Frühlingstag. Da ich später nochmals in Bari vorbeikommen werde, streife ich die Altstadt nur und beginne meine Tour am grosszügigen Lungomare.

 

Fischer

Am Meer komme ich ins Gespräch mit Pasquale, dem Fischer, der auf dem Gehsteig sein Netz flickt:

Fischer in Bari

Pasquale

Er wirkt ganz zufrieden. Sein Sohn will zwar nicht mehr Fischer werden, aber Pasquale kann sich für sich selber keinen anderen Beruf vorstellen. In den Gewässern vor Bari hat es weniger Fische als früher, aber es reicht immer noch, er kann davon leben. Dochdoch, in Bari kann man auch günstig leben, ihm geht es gut.

Zu gerne möchte mich Pasquale durch das Fest „San Nicola“ führen, das am kommenden Wochenende in Bari gefeiert wird. Er ist sichtlich stolz auf seine Stadt. Aber ich will los, nicht mehr warten, pedalen.

Bari, Fischer

Fischer in Bari

 

Unterwegs nach Alberobello

Gemütliche Spazierfahrt nach Alberobello.

Küste vor Bari

Erfrischender Picknickplatz

Bei Bari

 

Alberobello

Alberobello das Touristenzentrum der Trulli-Region. Trulli sind diese hübschen Steinhäuschen:

Trulli in Alberobello

Trulli in Alberobello

Der Campingplatz von Alberobello ist offen, ich freunde mich sofort mit Felice an, der da arbeitet. Kaum krieche ich am Morgen aus dem Zelt und stehe zerknittert in der Landschaft, steht er vor mir:

„Gut geschlafen?“, fragt er.

„Naja.“

„Caffè?“

„Ja“, freue ich mich, in der Meinung, dass wir nun die 20 Meter zur Camping-Bar schlurfen.

Aber nein, Felice packt mich in seinen ururalten Peugeot. Wir fahren in seine Stammbar.

„Ähm, ich bin noch im Pyjama!“ protestiere ich. So kann ich nicht unter die Leute.

„Macht nichts, du bist Touristin.“

Ja, das ist ein Argument. Zum Glück trage ich nichts ganz Peinliches. Wohl ist mir trotzdem nicht ganz, aber es reicht, um zu etwas Übersüssem und einem Kaffee eingeladen zu werden. Und zwar nicht von Felice, sondern von einem anderen Stammgast in der Bar.

So geht das.

Alberobello ist umwerfend schön im Abendlicht, wenn auch massiv überlaufen von anderen Staunenden wie mir:

Trulli-Spektakel in Alberobello

Trulli-Spektakel in Alberobello

 

Wesentlich ruhiger erlebe ich die fast gleiche Sicht im Garten von Vincenzos Bar:

Sicht auf die Trulli von Vincenzos Bar aus

Sicht auf die Trulli von Vincenzos Bar aus

Während sich in den Trulli die Touristen tummeln, kann ich mich ganz in Ruhe mit Vincenzo unterhalten.

Vincenzo wurde in Alberobello geboren, ging dann aber früh weg, um sich in der Hotellerie ausbilden zu lassen. Er arbeitete unter anderem im Piemont und in Crans Montana.

„In London hat es mir gar nicht gefallen. Da habe ich immer nur mit Ausländern gearbeitet, Pakistani, Türken, Indern, Franzosen. Ich wollte Englisch lernen, nicht Türkisch.“

Einige Jahre später kehrte er zurück nach Alberobello und eröffnete in einem Trullo die Bar „Villa Belvedere“. In einem Trullo gleich dahinter lebt er mit seiner Frau. Er erklärt mir, dass die Steinmauern für ideales Klima in den Häusern sorgen. Im Winter müsse er bloss abends ein bisschen Holz in den Ofen legen, ansonsten sei es angenehm warm. Und im Sommer angenehm kühl.

Er führt mich in seinem Garten herum, ein wahres Paradies. Die riesige Magnolie wird demnächst zu blühen beginnen, die Mispeln sind fast reif, die Rosen duften. Uuuh, und der reiche Kräutergarten

Vincenzo vor seiner Bar in Alberobello

Vincenzo vor seiner Bar in Alberobello

 

Nabenschraube verloren

Auf einem Ausflug nach Locorotondo, dem Nachbarort von Alberobello geschehen zwei bemerkenswerte Dinge:

  • Ich verliere eine Nabenschraube
  • Ich lerne Antonia und Fabrizio kennen

Also, ich habs ja von Anfang an gesagt: ich schraube vor der Reise besser nichts an meinem Fahrrad rum, sonst beginnt der Ärger schon, bevor ich losfahre. Nun habe ich halt doch daran herumgeschraubt, um das Fahrrad für den Zug einzutüten, und schon haben wir den Schlamassel. Der Ärger beginnt zwar erst am zweiten Tag, aber das reicht mir.

Mitten auf der Landstrasse also, springt mir etwas ans Schienbein und fliegt davon. Ich meine zuerst noch, es wäre ein Rieseninsekt gewesen und fahre fröhlich weiter, froh, dass es mich nicht ernsthaft attackiert hat. Bis mir einfällt, dass es auch ein Teil des Fahrrads hätte sein können. In der Tat: die rechte Nabenschraube des Vorderrads fehlt.

Offensichtlich habe ich nicht eng genug angezogen, als ich das Rad am Bahnhof Bari schnellschnell wieder montierte. Hm.

Umkehren, im Gras neben der Strasse rumwühlen. Unauffällig neben das Fahrrad stehen, wenn ein Auto kommt. Weitersuchen. Die aufmüpfige Schraube sitzt frech auf dem Asphalt, merke ich zehn Minuten später. Ein frohes Wiedersehen.

Auf der Strasse der verlorenen Nabenschraube

Auf der Strasse der verlorenen Nabenschraube

Dann verliere ich mich freudig im Markt von Locorotondo…

Auf dem Markt von Locorotondo

Auf dem Markt von Locorotondo

… und lerne Fabrizio und Antonia kennen.

6 Tage pro Woche bieten sie auf unterschiedlichen Märkten in der Region ihre Ware an und überleben gerade so knapp. Weil sie Geld brauchen, verkaufen sie ein grosses Landstück mit 9 Trulli und 300 Olivenbäumen für einen Scherzpreis. Als ich frage, ob sie nicht ein B&B daraus machen wollen, zucken sie mit den Schultern:

„Mit welchem Geld sollen wir es denn aufbauen?“

Also, liebe Leute, wenn jemand seeeehr günstig Land in einer so hübschen wie touristischen Region kaufen möchte, das ist DIE Gelegenheit. Echt. Ernsthaft. Antonia und Fabrizio wären noch so froh.

Dabei wünscht sich Antonia nichts mehr, als ein Zuhause für heimatlose Tiere zu eröffnen. Das Land hätten sie, aber eben, nicht die nötigen Mittel.

Fabrizio und Antonia

Fabrizio und Antonia

 

In Alberbello will ich eigentlich länger bleiben, lasse mich dann aber von zwei deutschen Hotel-Bussen verjagen, die das Camping-Gelände sofort einnehmen. Es ist Zeit, weiter zu ziehen.

 

Am Ionischen Meer

Über Land fahre ich ans andere Meer, ans Ionische Meer (Bari liegt am Adriatischen Meer). Kurz vor Taranto finde ich einen halboffenen Campingplatz. Nichts Schönes, nichts Freundliches, ich bin wieder mal der einzige Gast, aber es ist eine günstige Übernachtungsmöglichkeit.

Am Thyrrenischen Meer

Am Thyrrenischen Meer

 

Küsten-Fahrt nach Gallipoli. Was für schöne Strand-Abschnitte es da gibt. Und haufenweise leere Feriendörfer. In den Sommermonaten wird hier der Bär tanzen, sprich: Juli und August. Die übrigen 10 Monate im Jahr stehen die Häuser leer.

Die knapp 100 km bis Gallipoli fahre ich durch. Ein gutes Ziel, weil es da einen ganzjährig geöffneten Campingplatz gibt.

 

Gallipoli

Hier war ich schon einmal. Die Altstadt von Gallipoli ist eine Reise wert, prachtvoll als kleine Halbinsel ins Meer gebaut, von einer Stadtmauer umgeben, auf der du die Altstadt umrunden kannst.

Fischer mit Beute in Gallipoli

Fischer mit Beute in Gallipoli

Der Campingplatz La Masseria der Familie Coppola in Gallipoli überrascht mich positiv. Der Platz ist in bestem Zustand. Man merkts an jedem Detail, dass hier Profis am Werk sind: aufmerksames Personal, ein gutes Restaurant, riesige Stellplätze, schnelles Internet, die Sanitäranlagen gepflegt und sauber. An jeder Ecke wird für die bevorstehende Saison gearbeitet: neues Weiss gestrichen, die Bungalows gereinigt, Sonnennetze aufgespannt, eine Bar am Strand aufgebaut.

Die Familie Coppola hat verschiedene Geschäftszweige. Lucio ist der Geschäftsführer und zuständig für die touristischen Einrichtungen. Sein Bruder, Giuseppe, ist verantwortlich für die Weinproduktion. Er führt mich durch die Cantina Coppola und erklärt mir viel zur Produktion, Reifung und Lagerung des Weins. Nächstes Jahr wird der erste Spumante-Jahrgang bereit sein. Da muss ich wohl nochmals hin, um ihn zu probieren. Oder?

Zweimal pro Woche fährt der Gemüsehändler auf den Platz und bringt frisch Geerntetes vorbei. Apropos, sie gehören wieder einmal erwähnt: diese umwerfend süssen Erdbeeren aus Süditalien. Diejenigen, die der Gemüsehändler von Gallipoli bringt sind bestimmt die besten, die ich je hatte.

Gemüsehändler auf dem Camping La Masseria in Gallipoli

Gemüsehändler auf dem Camping La Masseria in Gallipoli

 

Von den Coppola werde ich allerfreundlichst behandelt, fühle mich fast schon in der Familie aufgenommen. Deshalb kann ich mich kaum lösen. Jeden Abend denke ich: morgen fahre ich weiter, und am nächsten Morgen gibts immer einen Grund, um doch noch zu bleiben.

Auch meine Campingnachbarn sind eine Freude: ein pensioniertes Ehepaar aus Deutschland stellt mir gleich bei meiner Ankunft einen Stuhl und ein Tischchen hin. So komfortabel habe ichs sonst nicht. Nett gemeint ist sicher auch der morgendliche Tütenkaffee, dem ich kaum je entkommen kann…

Aus ursprünglich geplanten zwei Nächten werden fünf. Und dann fahre ich wirklich.

 

Weiter nach Süden

Am Morgen meiner Abfahrt verabschiede ich mich noch von Leonardo aus Rom, der ebenfalls alleine auf dem Campingplatz Gast ist. Er ist ganz fasziniert von meinem bepackten Gefährt und findet mich mutig und stark.

Dabei ist das doch alles so einfach: Velo bepacken, losfahren. Ich staune immer noch, dass die Leute darüber so staunen.

„Was machst du, wenn du einen Platten hast?“, fragt Leonardo. Das ist eine häufige Frage.

„Ich habe nie einen Platten“, ist meine Standard-Antwort.

 

Reparatur-Spray

Mein heutiges Ziel ist Santa Maria de Leuca, der südlichste Punkt von Apulien. Das ist nicht sehr weit, etwa 60 km. Schön, wieder unterwegs zu sein, auch wenn ich ein bisschen träge bin. Meinen gewohnten Fahrrad-Rhythmus habe ich noch immer nicht gefunden. Klar, wenn ich so lange Pausen mache.

Etwa in der Hälfte der Tagesstrecke schlemme ich Apfelkuchen in der Pasticceria Martinucci in Torre San Giovanni (Martinucci alleine ist schon eine Reise nach Apulien wert). Mit Blick aufs Meer, versteht sich. Was für ein Leben!

Eine Stunde später stehe ich blöd am Strassenrand: Plattfuss.

Ähm, wie war das? Ich habe nie einen Platten…

Panne mitten im Nichts

Panne mitten im Nichts

Ein unglücklicher Ort für eine Panne, ich stehe mitten im Nichts, die Sonne brennt. Mittagszeit, kaum jemand fährt vorbei. Wenigstens regnets nicht.

Halbherzig mache ich mich ans Reparieren. Mit einigen Zweifeln, ob ich das selber hinkriege. Wegen der Nabenschaltung. Einen Platten flicken kann ich schon, das kann Monsieur Fnac bezeugen. Aber nachher das Rad so montieren, dass die Nabenschaltung wieder funktioniert…?

Und dann – wie es oft passiert in ungünstigen Situationen – naht am Horizont Hilfe. Radfahrer. Ein älteres Paar aus Holland, das mit Mieträdern in der Mittagshitze unterwegs ist.

„Do you need any help?“

„Yes, please.“

Mit den Mieträdern tragen die beiden ein Reparatur-Set mit. Darin gibts einen Schnell-Flick-Spray. Ich habe schon davon gehört. Man sprayt etwas Undefinierbares durch das Ventil in den Schlauch, und dieses Undefinierbare findet dann seinen Weg zum Loch und stopft es von selber. Super Sache. Bloss landet dieses Zeug überall: zuerst auf meinem heiligen Bici-Röckli, dann im Gesicht von Herrn Holland, bloss nicht im Schlauch. Die Szene ist zum Totlachen, wie in einem Extradoof-Film.

Da wir alle drei keinen Schimmer von Spray und Flicken haben, geben wir den Versuch auf. Ich beschliesse, mich zurück nach Gallipoli transportieren zu lassen, zu meiner Homebase, sozusagen. Autostopp. Ich hoffe auf Touristen mit einem Camper. Die Holländer warten freundlicherweise, bis mich jemand mitnimmt. Weit und breit kein Camper. Ab und zu ein klappriger Fiat Panda oder ein Traktor.

Frau Holland ist nicht so wohl bei der Sache. Ob ich wirklich mit jemand Wildfremdem mitfahren wolle? Ja. Lieber als das Rad zerlegen und um Mitternacht mit Einzelteilen immer noch ratlos am Strassenrand stehen.

 

Pasta-Man

Maurizio ist so lieb und nimmt mich in seinem Lieferwagen mit, zurück nach Torre San Giovanni. Er ist reizend, so begeistert von seinem Apulien.

„Manchmal will meine Frau die Ferien an einem neuen Ort verbringen. Aber nein, ich will hier bleiben, der Strand in Tricase Porto ist am schönsten. Und sonntags gehen wir nach Lecce. Barock und so, weisst du, fantastico. Ich will immer nach Lecce am Sonntag.“

Und die Pasta, die er in Apulien an Kunden ausliefert, ist die beste überhaupt. Er ist kaum zu bremsen, der Gute. Ein Leben im Superlativ.

In Torre San Giovanni lädt mich Maurizio bei der Pasticceria Martinucci ab. Er muss weiter. Als ich ihm etwas für den Transport bezahlen will, empört er sich, er nehme sicher kein Geld. Stattdessen bekomme ich eine Packung dieser Wunder-Pasta geschenkt.

Im Lieferwagen von Maurizio zurück nach Torre San Giovanni

 

Mobiler Fahrrad-Mechaniker

Da stehe ich wieder, vor der Pasticceria in Torre San Giovanni. Dieses Mal etwas weniger entspannt als beim fröhlichen Apfelkuchen-Essen drei Stunden zuvor.

Hätte ich doch die Telefonnummer von Leonardo. Der würde mich sofort mit seinem Camper abholen und zurück nach Gallipoli bringen.

Aber eben, wie gesagt: stehst du mal unglücklich in der Gegend, biegt früher oder später eine nie vermutete Lösung um die Ecke. Gelassen bleiben ist das Geheimnis und nicht zwingend mein Fachgebiet. Ich übe tapfer.

Die Lösung heisst in diesem Fall Levi und kommt auf einem bepackten Fahrrad daher. Fünf Minuten später kommt ein Zweiter daher pedalt, den kenne ich sogar: Florent aus Frankreich. Wir haben uns auf dem Campingplatz in Alberobello kennengelernt.

Innerhalb einer Viertelstunde ist der Schlauch ausgewechselt. Levi ist ein echter Pneu-Flick-Profi. Zu meiner Freude hat auch er noch nie ein Rad mit Nabenschaltung montiert und hat etwas Mühe damit. Also, etwa drei Minuten anstatt einer halben. Er ist so schnell, dass ich gar nicht alles mitkriege und beim nächsten Platten vermutlich grad wieder so unbeholfen herumstehe.

Mobiler Fahrrad-Mechaniker Levi

Mobiler Fahrrad-Mechaniker Levi

Levi ist aus Holland und schon seit 10 Monaten unterwegs. Er hat auch einen Blog, den du gerne verfolgen kannst: Wandering Dutch Guy. Demnächst wird er in Brindisi die Fähre nach Albanien nehmen und von dort weiter nach Süden radeln.

 

Santa Maria de Leuca

Wir fahren schliesslich zu dritt nach Santa Maria de Leuca. Das ist ein ganz ungewohntes Gefühl, so in der Gruppe zu pedalen. Es ist lustig mit diesen zwei Jungs. Auf dem Campingplatz von Santa Maria de Leuca teilen wir uns vor den drei Zelten eine Flasche Wein und plaudern über Reise- und andere Erfahrungen.

Florent und Levi

Florent und Levi in Santa Maria de Leuca

Und ich bin endlich da angekommen, wo meine eigentliche Reise losgeht, die Ciclovia Adriatica. In Santa Maria de Leuca.

Südlichster Punkt von Apulien: der Leuchtturm von Santa Maria de Leuca

Südlichster Punkt von Apulien: der Leuchtturm von Santa Maria de Leuca