In diesem Artikel geht es um meine persönlichen Begegnungen auf Sardinien. Im Velojournal habe ich einen sachlicheren Fahrrad-Bericht über Sardinien veröffentlicht.

 

Ich wiederhole mich: Radreisen in Italien, ganz alleine, finde ich deswegen so toll, weil ich täglich mit Menschen ins Gespräch komme, die mir meinen Horizont zurechtrücken, mein Weltbild schärfen und meine fixen Vorstellungen durchschütteln.

Hier meine Dankesrede für all jene, welche mir in Sardinien das Herz erwärmt haben:

Erich und Joe

Angefangen hats ja schon, bevor ich überhaupt auf Sardinien war, nämlich am Bahnhof Milano Centrale, im Fahrrad-Wagen des Zugs nach Genua.

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Neben einem jungen Paar verstauen auch zwei – hm, wie sage ich das jetzt diplomatisch? – nicht mehr ganz junge Schweizer Herren ihre Räder und Packtaschen im Velo-Wagen. Galant helfen sie mir mit meiner Fuhre, ohne dass ich mich sonderlich hilflos geben muss.

Wir kommen ins Gespräch, das erst Stunden später wieder abebbt, als sich unsere Wege abends am Hafen von Genua trennen. Ihre Fähre nach Palermo fährt eine halbe Stunde vor meiner nach Olbia.

Erich und Joe: Danke für

  • die kurzweiligste, vergnügteste Fahrt nach Genua
  • die Sardinien-Tipps
  • das Schleppen meines bepackten Velos in die Bahnhofsunterführung
  • den Apero am alten Hafen von Genua (da waren wir fast ein bisschen ernst, nicht wahr?)
  • die chaotische Suche nach der Piazza de Ferrari
  • das gesellige Nachtessen in der Altstadt (dass ihr mich wegen der „Miss“ ausgelacht habt, ist nicht vergessen)
  • die zielsichere Fahrt an den Hafen. Grandios, dass ich nun den humaneren Hafen-Zugang kenne und mir die Fahrt neben Lastwagen durch Tunnels und unter Autobahnbrücken sparen kann

Wann erzählt ihr mir von eurer wilden Sizilien-Fahrt?

 

Herr Namenlos aus Mannheim

Beim Warten auf die Fähre nach Olbia, komme ich mit einem jungen deutschen Radfahrer ins Gespräch. Obwohl wir sicher eine Stunde geredet haben, weiss ich nicht mal seinen Namen.

Jung und engagiert. Er hat seinen Lebensstil aufs Minimum reduziert, arbeitet nur noch auf Auftrag (Programmierer) und setzt sich freiwillig in mehreren Projekten ein:

  • Foodwaste: gegen Lebensmittelverschwendung. Gibts auch in der Schweiz: Foodwaste.ch
  • Urban Gardening: Gemeinschaftsgarten in der Stadt
  • Für lokale Bio-Bauernbetriebe am Stadtrand, die ihre Produkte in kleinen Läden in der Stadt verkaufen
  • Für die Fahrrad-Förderung

Erstaunlicherweise könne er gut davon leben. Er müsse praktisch keine Lebensmittel mehr kaufen, weil er sich bei den Foodwaste-Aktionen bedienen und sich von Erträgen aus dem Garten ernähren könne, er wohne günstig und habe kein Auto, weil alles mit dem Fahrrad zu machen sei. Wie ganz genau er es schafft, genug Geld zu verdienen, um die Rechnungen zu bezahlen, konnte ich ihn leider nicht mehr fragen.

Herr Namenlos wirkt nicht etwa knausrig oder verhuddelt oder realitätsfremd verträumt. Er ist klar, er weiss, wofür es sich zu arbeiten lohnt. Ein idealer Botschafter für diese grossartige Bewegung von jungen Menschen, die etwas verändern wollen.

Chapeau, Herr Namenlos, du hast mich beeindruckt und bestärkt in meiner Überzeugung, dass man dort seine Energie einsetzen soll, wo das Herz zu glühen beginnt.

 

Claudio

Am Strand des Campingplatzes von Platamona kommen wir ins Gespräch.

Claudio lebt in Pavia, in der Po-Ebene und krankt am selben Leiden wie ich: Freiheitshunger, Bewegungsdrang und Sehnsucht nach einer sinnvolleren, freieren Lebensweise. Wir verstehen uns ohne grosse Erklärungen.

Wir plaudern an der Sonne am Strand, beim hübschen Sonnenuntergang und schliesslich beim Nachtessen vor seinem Zelt.

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Am Strand des Campingplatzes von Platamona

Am nächsten Morgen nehmen wir nach dem Frühstück Abschied. Claudio fährt heute heim und ich weiter durch Sardinien.

Grazie, Claudio, per:

  • il discorso emozionante, avvincente
  • la tua fiducia
  • la tua pazienza con il mio italiano
  • il tuo consiglio di andare all’Asinara. Ne valeva la pena, eccome!
  • la colazione (questa squisita brioche che mi ha sfidato di mangiarla in un modo ben educato)
  • il tuo sostegno durante il mio viaggio e questo brutto rientro

Quando vieni a trovarmi?

 

Jeannette und Ronald

Am Capo d’Orso (Bärenkap) begegne ich das erste Mal dem niederländischen Radfahrer-Paar Jeannette und Ronald.

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Capo d’Orso

Danach fahren wir uns immer wieder über den Weg:

  • Campingplatz Palau
  • Campingplatz Platamona
  • Stintino – und endlich kommen wir richtig ins Gespräch

Wir fahren gemeinsam auf die wunderschöne Insel Asinara, am Abend schlagen wir uns die Bäuche im besten Restaurant meiner Sardinien-Reise voll und haben einen fröhlichen, zufriedenen Abend. Wir begegnen uns am Capo Caccia wieder und in Alghero, und dann trennen sich unsere Wege.

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Auf der Inser L’Asinara

Die beiden Mutigen fahren durchs Insel-Innere zurück nach Olbia. Mit dem Fahrrad durch die Berge von Sardinien – das ist für die wirklich Zähen. Später erhalte ich noch Lebenszeichen von ihnen. Sie leben.

Jeannette und Ronald: Danke für

  • eure unaufdringliche und doch freundschaftliche Art, die mir immer den Eindruck gab, willkommen zu sein
  • die spannenden und lustigen Gespräche
  • die Wortspiele. Das Wort „anstrengend“ wird mich fortan an euch erinnern
  • das Kürzen des Bremskabels
  • die Infos, die ihr mir per SMS nachgeschickt habt

Hoffentlich fahren wir uns wieder einmal über den Weg!

 

Nicola

Auf der Insel La Maddalena treffe ich gleich wieder einen Radfahrer mit Gepäck. Der Italiener Nicola aus Trento.

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La Maddalena

Hat der viel Gepäck, sieht nach Weltreise aus. Aber nein, Nicola ist bloss zehn Tage unterwegs, dafür mit Vollgas. Er ist von Trento nach Nizza gefahren, mit der Fähre nach Bastia, durch ganz Korsika (und dort sind dann die Strassen wirklich steil!), der sardischen Nordküste entlang, und morgen nimmt er in Olbia die Fähre heim.

Heute macht er einen Ruhetag auf La Maddalena. Wir fahren ein paar Kilometer gemeinsam und unterhalten uns gut, wir haben den gleichen Humor. Nach einer Weile lasse ich ihn ziehen. Der Kerl hat auch an seinem Ruhetag ein Tempo drauf, das mich überfordert. La Maddalena ist so schön, es wäre schade, sie zu durchsprinten.

Aber Nicola: es nimmt mich doch wunder, was sich alles in deinen Taschen befindet. Du hattest ja nicht einmal das Zelt dabei!

 

Mr. Englishman

Mr. Englishman tut mir leid. Deswegen kriegt er hier einen speziellen Mitleids-Eintrag.

Situation: Eine Konditorei irgendwo in der Region Costa Smeralda, wo sich die Reichen tummeln. Ich bin am Bestellen, als drei Engländer eintreten:

  • Eine ältere Frau mit interessiertem, freundlichem Blick (= Schwiegermutter)
  • Eine skelettdünne, weissgesichtige Frau, ca. 50, mit gar keinem Blick (= Ehefrau)
  • Ein sportlicher Mann, ca. 55, mit Siegerblick (=Mr. Englishman)

Das Skelett übersieht mich, rempelt mich an. Entschuldigen tut sich die Schwiegermutter.

Ich schnappe mir meine Süssigkeiten (die sind dann übrigens unschlagbar gut, so Mandelzeug, himmlisch) und verschwinde nach draussen.

Kurz darauf auch das wackere Trüpplein, lässt sich Tee servieren.

Bevor ich weiterfahre, tausche ich ein paar Worte mit der Konditorin, soweit es geht – sie ist schwerhörig, und mein Akzent macht ihr offensichtlich zu schaffen.

Wir hätten ja genug Zeit gehabt, um Kontakt aufzunehmen, aber erst als ich schon den Velohelm auf und das Velo befreit habe, ruft mir Mr. Englishman aus 20 Metern Entfernung zu:

„Fährst du mit dem Fahrrad durch Sardinien? So bin ich auch gereist.“ Auf Englisch, of course.

„Ja, eine schöne Art zu reisen“, antworte ich.

Er steht auf, kommt ein paar Meter näher.

Ich war schon überall„, ruft er in die Welt hinaus.

„Ah, und jetzt machen Sie hier Ferien?“

„Naja“, jetzt kommt er soweit näher, dass man in normalem Gesprächston kommunizieren kann. „Wir haben das der Schwiegermutter geschenkt, ein paar Tage an der Costa Smeralda. Sowas muss man halt manchmal machen.“ Er flüstert vertraulich, damit es die Schwiegermutter nicht hört.

Dann, wieder laut:

Die schönsten Ferien waren die mit dem Fahrrad. Sonst war ich schon überall, aber mit dem Fahrrad durch England war am schönsten.“

„Oh ja, Cornwall ist doch ganz besonders schön. Da möchte ich auch einmal radfahren“, sage ich.

„In Cornwall haben wir ein Haus. Ja, sehr schön. Woher bist du?“

Als er erfährt, dass ich aus der Schweiz bin, sehr laut:

„Klar, Switzerland, da gehen wir skifahren. Crans Montana. Wir haben ein Haus da. Ich liebe die Schweiz. Das sind die schönsten Ferien, beim Skifahren. Manchmal gehen wir auch in die USA skifahren. Aber mit unserem Boot ist es auch schön, das haben wir in Malta. Blablabla.“

Wacker tischt er mir alle seine Trophäen auf. Ich bin unschlüssig, ob ich ihn auslachen oder mich ärgern soll.

Will der mich jetzt beeindrucken? Und wenn ja, mit welchem Ziel? Bei mir ist nichts zu holen. Weder ein Haus, noch Trophäen-Anerkennung, noch Trophäen-Wettbewerb, noch Unterhaltung. Und mein Velo kriegt er sicher nicht, falls er es darauf abgesehen hat.

Ich mache mich aus dem Staub.

Danke, Mr. Englishman, für das schallende Gespräch.

 

Und und und…

… da sind noch so viele andere Menschen, denen ich für ein paar Minuten Zeit und freundliche Worte danken will:

  • Natale aus Alghero: danke für das Sonntagmorgen-Frühstück und den schönen Satz: „Ich lebe am schönsten Ort der Welt.“ Womit er nicht unrecht hat.
  • Anna, Sardin, Barista auf dem Campingplatz auf der Sinis-Halbinsel. Was für ein spannendes Gespräch über Italien, Arbeit, die sardische Unabhängigkeitsbewegung und was wirklich wichtig ist im Leben. Ach ja, und über Männer.
  • Das deutsche Paar auf dem Campingplatz bei Capo Ferrato, das sich so freundlich für mich interessiert und mich schliesslich zum Nachtessen eingeladen hat.
  • Das sardische Paar mit Alfa Romeo Spider, das ich am Capo Ferrato traf. Zwei Stunden Geschichten aus ihrem Leben, erhellende Informationen über das Leben in Italien und die Machenschaften in der Bau- und Auto-Industrie haben sie mir geschenkt.
  • Die drei sardischen Radfahrer auf dem Pass zwischen Tortoli und Dorgali. Danke für den vergnüglichen Schwatz und dafür, dass ihr meine Hinterbremse wieder zum Leben erweckt habt.
  • Der Junge aus Ancona, der mir das Warten am Hafen in Olbia verkürzte. Die Sommersaison in Sardinien ist vorbei, er geht heim, um erneut Arbeit zu suchen. Vielleicht auch nach Costa Rica. Viel Glück!
  • Monica aus Rozzano bei Milano: gemeinsame Fährfahrt von Olbia nach Genua. Schade eigentlich, dass wir erst beim Frühstück zu reden begonnen haben. Dafür umso mehr.
  • Ivan aus der Tschechischen Republik. Wir haben gemeinsam die Zugfahrt nach Milano durchlitten. Danke für deine Begeisterung, deinen Humor und die unerhörte Gelassenheit!

 

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Leben in Alghero, am schönsten Ort der Welt