In Trieste habe ich mein Ziel der Ciclovia Adriatica erreicht. Nun könnte ich eigentlich den Zug nehmen und wäre in einem Tag zu Hause. Mir bleiben aber noch 10 freie Tage. Die Wetterprognosen für Italien sind miserabel, südlicher von Trieste siehts besser aus.

Klarer Fall: ich fahre weiter der Adria entlang nach Süden, sprich nach Slowenien und dann Kroatien.

 

Fähre fällt aus

In der Touristeninformation von Trieste empfiehlt mir die sehr kompetente und engagierte Angestellte, zum Verlassen der Stadt die Fähre nach Muggia zu nehmen. Dadurch kann ich mir die hässliche Industriezone um den Hafen herum sparen.

Schöne Idee, ich fahre ohnehin gern Fähre. Am Tag vor meiner Abreise gehe ich am entsprechenden Hafen vorbei, um zu sehen, wann die Schiffe fahren und ob ich schon ein Ticket kaufen kann.

Der Hafen ist mitten im Zentrum von Trieste, die Boote fahren stündlich, und ich staune nicht schlecht, als ich sehe, wie gut sie für Fahrräder ausgerüstet sind. Offenbar ist das ein beliebter Weg bei Radfahrern.

 

Trieste Muggia

Fahrradtransport per Boot von Trieste nach Muggia

 

Am nächsten Tag stehe ich kurz vor Abfahrt des Boots am Hafen. Ein Prachtstag, ich freue mich auf die Schiffsfahrt und das Weiterpedalen.

Bloss kommt das Boot nicht. Freundlicherweise informiert mich eine Frau irgendwann, dass das Schiff wegen zu stürmischem Meer heute nicht fährt.

Bedeutet für mich: 10 km durch Industriegebiet und viel Verkehr fahren.

Ich überlebs und freue mich über das hübsche Muggia.

 

Muggia

Muggia

 

Muggia

Muggia

 

Badeplausch mit Sicht auf den Hafen von Trieste

Badeplausch mit Sicht auf den Hafen von Trieste

 

Slowenien

Schon lange war ich nicht mehr in einem Land, in dem ich die Sprache gar nicht verstehe. An der Küste von Slowenien sprechen aber praktisch alle perfekt Italienisch und Englisch, mit denen ich zu tun habe.

Und: Plötzlich hats Radwege. Mit Wegweisern und sogar Kilometerangaben. Ohne Löcher, Abfall und Glasscherben. Ich fühle mich wie in der Schweiz. Plus Meer.

Izola in Slowenien

Izola in Slowenien

 

Was ich leider nicht rechtzeitig mitbekomme ist, dass genau an dem Wochenende, an dem ich in Portoroz übernachte, ein internationales Harley-Davidson-Treffen stattfindet. Action total, lustig zum Zuschauen. Die Nacht auf dem Campingplatz ist dann nicht ganz so ruhig.

 

Chianti meets Harley-Davidson

Chianti meets Harley-Davidson

 

Harley-Davidson-Treffen Portoroz

Harley-Davidson-Treffen Portoroz

 

Kroatien

Das Küstenstück in Slowenien ist sehr kurz, deshalb rolle ich schon am nächsten Tag in Kroatien ein. Nach dem Grenzübergang kriege ich gleich mal eine zünftige Steigung geschenkt. Endlich wieder!

Danach wirds langweilig. Vom Meer sehe ich wenig, und die verkehrsreiche, schmale Strasse geht mehrheitlich ebenaus.

Nach Umag finde ich immerhin einen Campingplatz direkt am Meer, und das erste Mal auf dieser Reise wage ich mich auch ins Wasser, nämlich hier:

Kroatien

 

Am nächsten Tag gehts ähnlich ereignislos weiter. Meine mässige Begeisterung mag auch daher kommen, dass ich mit niemandem wirklich reden kann. Oder vielleicht eher will. Englisch können sehr viele Kroaten, einige auch Italienisch oder Deutsch.

Das Städtchen Novigrad gefällt mir dann aber mit seinem kleinen, liebevollen Zentrum. Das Titelbild dieses Beitrags ist aus Novigrad. Und dieses:

Novigrad

Novigrad

 

Auf der Weiterfahrt ist mir plötzlich nach etwas Wahrem zu essen. Du siehst, mein Händchen für die Verpflegungswahl ist nicht immer so geschickt:

Fast Food in Kroatien - eigentlich wollte ich vor allem Kartoffeln...

Fast Food in Kroatien – eigentlich wollte ich vor allem Kartoffeln…

 

Allerdings ists ganz gut, dass ich hier nochmals heftig Kalorien nachlade, weil ich mich kurz darauf auf einem „Radweg“ verliere, der mitten durch einen nicht mehr endenden Wald führt und sich nach einigen Kilometern Asphalt in einen holprigen Wanderweg verwandelt.

Da der Weg auf meiner Karte nicht eingezeichnet und meine App ohne Internet keine Hilfe ist und ich obendrauf keine Ahnung von der Distanz habe, scheint mir die Option Umkehren übertrieben, und ich fahre weiter.

Kein Mensch weit und breit. Kein Schild weit und breit. Dafür näher rückendes Donnergrollen. Und viiiiiel Wald. Und immer schlechter werdendes Weglein. Zuweilen muss ich meine Fuhre schieben, weil ich die steilen Passagen im Geröll nicht bewältige. Weder auf- noch abwärts.

Immerhin ists nicht mehr langweilig.

Dann beginnts zu regnen. Die Donner werden immer lauter, die Abstände dazwischen immer kürzer.

Und nach guten zweieinhalb Stunden Plackerei stehe ich, bamm!, plötzlich wieder in der Zivilisation, als wäre nichts gewesen.

 

Rovinj

Ich passe nicht ganz in die Szenerie als ich verschwitzt, erschöpft und halb verdurstet ins herausgeputzte Zentrum von Rovinj einfahre.

Für diese Nacht habe ich ein B&B reserviert. Es dauert nochmals eine knappe Stunde, bis ich die Adresse endlich finde. Mladen nimmt mich dann aber so herzlich auf, und die kleine Wohnung ist wieder so ein Nest, in dem ich mich unendlich wohlfühle, dass ich ganz vergesse, dass ich eigentlich erschöpft bin.

Eine echte Wohnung zum Übernachten, das ist immer wieder ein Highlight. Nicht mal wegen dem Bett – mein Matte-Schlafsack-Bett im Zelt ist ein kleines Paradies.

Aber

  • wegen den Steckdosen
  • wegen der Küche
  • wegen dem eigenen Bad
  • wegen den Stühlen und dem Tisch
  • wegen den Kleiderbügeln
  • wegen dem Licht
  • wegen dem Internet
  • wegen der Nachttischlampe neben dem Bett
  • wegen den Fensterläden
  • wegen der Musik, die aus dem Fernseher kommt

 

Hier finde ich auch wieder einmal die Gelegenheit zum Schreiben. Und zum fahrradfreien Erkunden von Rovinj, das unsäglich hübsche Läden und Plätze zu bieten hat.

Rovinj

Rovinj

 

Rovinj

Rovinj

 

Und dann muss ich vom Meer Abschied nehmen. Am nächsten Tag beginnt die Heimreise.

Rovinj

Rovinj

 

Übers Meer brettern

Ein Katamaran bringt mich zurück nach Venedig. Eigentlich stelle ich mir diese Fahrt wesentlich spannender vor, als sie eigentlich ist.

Das liegt zum einen daran, dass es ein grosses Schiff ist und man wie im Flugzeug auf fixen Plätzen sitzt. An Deck darf man auch nicht.

Zum andern wird diese Fahrt vorwiegend von Menschen genutzt, die einen geführten Tagesausflug nach Venedig unternehmen. Entsprechend viel Verkaufsveranstaltung findet lautstark auf der Fahrt statt. In Deutsch, Englisch und Russisch.

Aber cool ists schon, als der Kapitän nach Verlassen des Hafens sagt: „Crew, ready for take-off„. Und dann brettert die Kiste los. Wow.

 

Endlich wieder in Italien

Als ich in Venedig wieder aufs Fahrrad steige, bin ich ganz selig vor Glück. Nichts zu machen, in Italien fühle ich mich komplett zu Hause.

Mit dem Zug fahre ich bis Verona, und weil ich dort den Anschlusszug nach Trento verpasse, bleibe ich einfach. Ich weiss, dass es hier einen schönen Campingplatz gibt, und die Stadt habe ich in sehr guter Erinnerung.

Ich bummle durch die Stadt, esse mein Eis, trinke in der Bar meinen Kaffee, halte meinen Schwatz mit einem Barista und merke, wie ich alles gebe, um die bevorstehende Heimkehr zu verdrängen. Es geht nicht darum, dass es mir zu Hause nicht gefällt.

Es geht um die Freiheit, einfach zu sein. Und um dieses entspannte Zuhause-Gefühl, das ich in Italien habe. Und um Bewegung, Draussensein, Wärme, Sonne und Meer. Das alles hinter mir lassen? Für ein übergeregeltes Leben in kühlgrauem Wackelwetter…?

 

Verona

Arena von Verona

 

Konditorei in Verona

Konditorei in Verona

 

Sicht vom Campingplatz auf das abendliche Verona

Sicht vom Campingplatz auf das abendliche Verona

 

Trento und so

Eine weise Entscheidung von mir, den Etschradweg durchs Südtirol für die Heimfahrt zu nutzen.

Erstens ist der Radweg toll markiert, einfach zum Fahren, stetig steigend, aber selten steil, in hervorragendem Zustand.

Zweitens vollzieht sich der Sprachwechsel schleichend, nicht so abrupt wie wenn du durch den Gotthard-Tunnel fährst.

Drittens ists einfach schön.

Trento überrascht mich völlig. So ein hübsches Zentrum, entspannte Stimmung, sehr freundliche, humorvolle Menschen.

Trento

Trento

 

Zweites Frühstück in Trento

Zweites Frühstück in Trento – oder eher: Frühstück für zwei

 

Nach Trento wirds rasch Deutsch. Sprache, Kaffee, Preise.

Und nach Meran landschaftlich umwerfend. Erst da merke ich, wie sehr mir auch die Berglandschaft gefällt. Nach so viel Meer habe ich das fast vergessen. Ich könnte ausflippen, nach jeder Kurve etwas Neues zum Bestaunen.

Etsch-Radweg

Auf dem Etschradweg

 

Etsch-Radweg

 

Etsch-Radweg

 

Etsch-Radweg

 

Und dann komme ich an der Grenze zu Österreich an, auf dem Reschenpass. Hier endet Italien.

Etsch-Radweg Reschenpass

Jetzt ists ok, ich kehre heim.

Die Schweiz begrüsst mich dann würdevoll mit einem heftigen Gewitter. Auf den letzten 10 Kilometern meiner Reise werde ich nochmals richtig nass.

Herzlich willkommen zu Hause!

Gewitter im Anzug im Engadin

Gewitter im Anzug im Engadin

 

Danke, Allegra, für die gemeinsamen 2500 km!