Am 3. Tag meiner Pässetour überquere ich den Ofenpass.

Klick auf die folgende Karte, um die gesamte Tour genauer anzuschauen.

Ofenpass

Das Programm:

Tag 0: Susch im Engadin – Camping Morteratsch, Pontresina

Tag 1: Morteratsch – Berninapass (2330) – Tirano – Bormio

Tag 2: Bormio – Passo dello Stelvio (2757) – Prad am Stilfserjoch

Tag 3: Prad – Ofenpass (2149) – Livigno

Tag 4: Livigno – Passo dell’Eira (2208) – Passo di Foscagno (2291) – Bormio

Tag 5: Bormio – Tirano – Zug zurück

 

Die Bremsen geben Schub

Den Weg von Prad nach Glurns kenne ich schon, ich bin ihn schon gefahren, als ich im Juni 2016 von der Ciclovia Adriatica heim gefahren bin. Bei Glurns folgt der Abzweiger Richtung Taufers, ins Münstertal, zum Ofenpass.

Kurz nach Glurns zweigt ein Radweg von der Hauptstrasse ab, was mich hoch erfreut, bis ich sehe, dass es sich um einen Mountainbike-Wegweiser handelt. Die üblichen Zweifel überkommen mich: ist das ein steiler Geröllweg, kann ich mit dem bepackten Fahrrad nicht mithalten. Noch sieht er frisch und freundlich aus.

Ein Mountainbiker überholt mich. Er ist aus der Gegend, kennt den Weg:

Nein, der ist nicht so steil. Und sonst kannst du ja im nächsten Ort auf die Hauptstrasse zurückkehren“, sagt er.

Ich glaube ihm und geniesse die Morgenstimmung auf diesem einsamen Waldweg.

Taufers

 

Taufers

Ganz so friedlich ists hier dann zwar plötzlich nicht mehr: eine Bremsen-Familie fällt über mich her und sorgt dafür, dass ich zünftig in die Pedalen steige, um sie abzuhängen.

Taufers

 

Die Bremsen lassen im beschaulichen Ort Rifair von mir ab…

Rifair

… um mich nach dem Ortsausgang erneut zu belästigen. Besonders fies daran ist, dass ich sie nicht abhängen kann, die Viecher, weil der befürchtete steile Aufstieg im Geröll ansteht und ich teilweise schieben muss. Ich werde gnadenlos zerstochen und ordentlich ungehalten.

Dabei sieht alles so idyllisch aus. Nicht mal den steilen Aufstieg erkennt man auf dem Foto unten. Kann mir mal jemand einen Tipp geben, wie ich eine steile Strasse fotografiere, damit man sieht, wie steil sie tatsächlich ist? Das ist mir leider noch gar nie gelungen.

Taufers

 

Durch das Münstertal

Nach diesem lebendigen Erlebnis kehre ich in Taufers zurück auf die Passstrasse und überquere gleich die Grenze von Italien in die Schweiz.

Das erste Dorf nach dem Grenzübergang ist Müstair (Münster). Ein friedlicher Ort (mal abgesehen von der Passstrasse), dessen Benediktinerinnenkloster St. Johann zum UNESCO Weltkulturerbe gehört.

Müstair

 

Müstair

 

Im Klostergarten. Suchbild: finde die Nonne und die Katze:

Müstair

 

Aktuell zu verkaufen: Hotel Tschierv in Müstair.

Müstair

 

Müstair

 

Nach Müstair vergnüge ich mich in der Bäckerei von Santa Maria mit einer Bündner Nusstorte und befrage ein paar Radfahrer nach der Strasse zum Umbrailpass, die von hier nach Süden abgeht. Eigentlich will ich zurück nach Bormio, da wäre der Weg über den Umbrail der kürzeste.

Nach mehrmalige Rückmeldung à la „der ist steil“, kippe ich die Idee in die Mulde. Immerhin geht der Umbrail auch auf 2500 Meter hoch – der Ofenpass hingegen nur auf 2149 Meter.

 

Kampf am Ofenpass

Der Ehrgeiz meldet sich noch einige Male, weil ich nur den „kleinen“ Ofenpass mache. Der lehrt mich dann schliesslich Demut: diese Passstrasse hört einfach nicht mehr auf. Bis Tschierv bin ich noch ganz friedlich und guten Mutes und geniesse die Wärme des Sommertages und die prächtige Berglandschaft.

Und dann gehts aufwärts, zuweilen auch steil, und es hört einfach nicht mehr auf. Diese Passstrasse hat kein Ende. Ist ja total unlogisch: die Passhöhe liegt auf nur 2149 Metern, ich bin schon ewig aufwärts gefahren, und trotzdem komme ich einfach nicht an. Mag sein, dass ich noch den gestrigen Stelvio in den Beinen (und im Kopf?) spüre, aber mir scheint dieser Ofenpass unverhältnismässig anstrengend.

Dann endlich, die Passhöhe. Futtern.

Der Ofenpass ist kein besonderes Motorrad- oder sonstiges Touristenziel, daher ist es hier halbwegs ruhig und die Tafel ist frei, so dass auch ich mal ein Helden-Selfie machen kann:

Ofenpass

 

Mit Gino nach Livigno

Die Abfahrt vom Ofenpass ist ein Vergnügen. Imposant die steilen Schluchten und Waldbrandspuren. Dazwischen ein Menschengewusel um das Hotel Parc Naziunal.

Am Abzweiger nach Livigno gibts schon die nächste Pause. Im Tunnel Munt la Schera, der von der Ofenpassstrasse nach Livigno führt, herrscht Fahrrad-Verbot. Zum Glück gibts in den Sommermonaten (Juni bis Mitte September) einen Bus-Shuttle, der Fahrräder und ihre Besitzer für 6 Euro sicher durch den Tunnel transportiert.

Als ich ankomme, informiert mich ein Australier mit bepacktem Fahrrad, dass der Shuttle soeben abgefahren ist. Macht nichts, ich habe Zeit.

Der Shuttle fährt ziemlich bald heran, wartet aber noch eine gute halbe Stunde bis zur nächsten Fahrt. Während der Wartezeit unterhalte ich mich mit dem Fahrer Gino.

Livigno

Gino lebt in Livigno. Im Winter ist er Skilehrer, im Sommer fährt er täglich mit dem Shuttle durch den Tunnel. Hin und her, immer wieder durch diesen 3.5 Kilometer langen Tunnel. Da wundere ich mich nicht, dass er den Winter lieber mag.

„Aber es ist viel zu warm. Auch im Winter. Ohne Schneekanonen könnten wir längstens nicht mehr Ski fahren. Im letzten Winter mussten wir täglich beschneien. Der Schnee ist dann im April gekommen.“

Gino ist ein sonniges Gemüt, wir haben viel zu lachen. Von unserem Selfie muss ich mich leider wegschnippeln, weil ich darauf nicht publizierwürdig ausschaue. Gino schon.

Schliesslich besteht er darauf, mich mit seinem Shuttle und meinem Fahrrad zu fotografieren.

Livigno

 

Gino lädt uns Radfahrer auf der Staumauer des Lago die Livigno aus. Bis nach Livigno sind es noch 9 Kilometer, immer dem Stausee entlang. Ein sanftes Ausrollen.

Livigno

 

Livigno

 

Heute Abend bin ich Francos Nichte

In Livigno ist etwas los. Es ist Anfang August, auch die Italiener haben jetzt Ferien.

5 Campingplätze gibt es in Livigno, weiss ich von Gino, davon 2 im Zentrum und 3 einige Kilometer ausserhalb. Ich habe keine Lust auf ein paar Kilometer mehr und peile die Plätze im Zentrum an.

Schon von weitem erkenne ich mein nächstes Problem: Das sind keine Campingplätze, sondern Wohnmobil-Stellplätze. Die haben meistens weder den Boden noch die Infrastruktur für Zelte.

Livigno

Schon bei der Einfahrt sehe ich das Schild „Completo“ – voll. Das ignoriere ich grosszügig und peile den Platzmeister an.

Franco ist um die 70 und hat ein gutmütiges Gesicht. Er ist gerade damit beschäftigt, zwei Schweizer VW-Busse einzuweisen. Mich will er mit einem energischen Kopfschütteln abwimmeln.

Da ich ein paar andere Zelte und einige winzige Wieseneckchen erblicke, bleibe ich unbeirrt stehen und warte, bis Franco Zeit für mich hat.

Du musst gehen, wir haben keinen Platz mehr„, versucht er mich nochmals loszuwerden.

„Ich habe ein kleines Zelt, ich könnte mich dort drüben auf das Fleckchen stellen“, schlage ich munter voll.

„Nein, das ist kein Zeltplatz. 6 Kilometer weiter hat es noch mehr Campingplätze, wo auch Zelte stehen können. Schau da nach“, sagt Franco.

Gut, dann wird es Zeit für den Mitleidsjoker.

„Ich bin müde, bin heute schon über den Ofenpass gefahren, gestern über den Stelvio“, jammere ich.

„Was?! Du bist mit diesem Fahrrad über den Stelvio gefahren?“

Aha, das scheint zu ziehen. Später stellt sich heraus, dass Franco ein passionierter Radfahrer war. In früheren Jahren hat er jeden erdenklichen Pass überquert. Dieser Tatsache verdanke ich, dass ich eine halbe Stunde später mein Zelt aufstelle.

Livigno

Mein Plätzchen ist nicht unbedingt das schönste, bequemste, komfortabelste meiner Campingkarriere. Da der Platz wirklich voll ist, dürften hier eigentlich keine zusätzlichen Gäste mehr untergebracht werden. Die Polizei kontrolliert ab und zu, und wenn ein Besitzer erwischt wird, dass er überbelegt hat, wird sein Platz für einen Monat geschlossen, sagt mir Franco.

Aus diesem Grund quetsche ich das Zelt hinter das Pförtnerhäuschen. Es hat da just Platz zwischen Zaun und Häuschenwand. Unmittelbar davor steht Francos Wohnmobil. Für diesen Abend bin ich Francos Nichte – falls die Polizei aufkreuzen und sich an meiner Anwesenheit stören sollte.

Franco ist nicht der Besitzer des Platzes. Er lebt mit seiner Frau in Milano und hilft nur über Weihnachten, an Ostern und im August auf dem Platz aus. Freiwillig, unbezahlt. Als Freundschaftsdienst dem Besitzer gegenüber.

Livigno

Und so neigt sich ein ereignisreicher Tag dem Ende zu. Mitten im Wohnmobilidyll.

Morgen fahre ich zurück nach Bormio.