Paolo guckt verdutzt.

„Radfahren in Rom? Du willst den direktesten Weg finden, um dich umzubringen?“

Das hat was. Rom ist die Stadt mit den meisten Verkehrstoten in Europa. Dieser Fakt ist nicht unbedingt ermutigend. Lust habe ich trotzdem darauf, Rom per Fahrrad zu erkunden.

Und ums vorweg zu nehmen: Radfahren in Rom macht richtig Spass und ist gar nicht so gefährlich, wenn du weisst, wie und wo du fährst.

 

Fahrradmiete in Rom

Zuerst muss ich ein geeignetes Fahrrad finden, das ich für einen Monat mieten kann.

In meiner Unterkunft liegt ein Flyer von Dolce Bike. Fahrradmiete pro Tag 15 Euro, pro Woche 60 Euro. Da lässt sich sicher noch etwas herausholen für einen Monat.

Den Veloladen Dolce Bike finde ich nicht an der Adresse, die auf dem Flyer angegeben ist. Aber die Dolce Bar. Könnte allenfalls einen Zusammenhang haben, denke ich mir und betrete die Bar.

Tatsächlich gehört Dolce Bike zur Dolce Bar, aber der Fahrrad-Chef ist gerade nicht hier und die Fahrräder auch nicht. Ende Februar ist nicht Fahrrad-Saison, der Laden wird erst an Ostern wiedereröffnet.

Valerio ist der Besitzer der Bar und legt sich ins Zeug, als ich sage, dass ich einen Artikel übers Radfahren in Rom schreiben will.

„Ich kann dir morgen ein Fahrrad mitbringen. Wieviel willst du denn zahlen?“

Hmmm, Preisverhandlungen… mag ich nicht.

„100 Euro für 4 Wochen?“, murmle ich unsicher.

„Ok“, sagt Valerio sofort, und ich weiss, dass ich auch weniger hätte bezahlen können.

Am nächsten Tag nach dem Mittag steht es da, mein Velo.

Rom per Fahrrad

Valerio mit „meinem“ Fahrrad vor seiner Dolce Bar

Ein Eingänger, ganz neu. Mit Kinderhelm in Quietschpink.

„Ein Eingänger…?“ frage ich Valerio.

„Ja, du wirst sehen, damit fährt es sich ganz leicht auch bergauf“, preist er mir seine Ware an.

„In dem Fall pedale ich wie wild, wenn es flach ist?“

„Nein, nein, geradeaus fährst du ganz ruhig. Mach dir keine Sorgen.“

Valerio ist ein Verkäufer, ich traue ihm nicht so recht. Aber das Fahrrad steht da, und ich will endlich losfahren. Das tue ich dann auch.

Später werde ich zu Valerio sagen:

„Dich will ich aber mal sehen, wie du mit diesem Fahrrad auf den Gianicolo (einen der Hügel von Rom) fährst!“

Er grinst und klopft sich bedeutungsvoll auf seine Oberschenkel. Ich grinse zurück und denke mir meinen Teil.

 

Radfahren in Rom will gelernt sein

Mein Glück ist, dass ich bereits Radfahrer in Rom kenne. Die Römer Mauro und Giorgio habe ich auf der Ciclovia Adriatica kennengelernt.

Mauro und Giorgio, Radfahrer aus Rom

Giorgio (l.) und Mauro

Mauro

Mauro auf der Piazza Testaccio in Rom

 

 

 

 

 

Mauro zeigt mir wie man in Rom Rad fährt. Ich bin begeistert von seiner grosszügigen Art, die Verkehrsregeln auszulegen. Dieses neue Wissen nehme ich mit nach Hause!

Auf dem Bürgersteig, über den Zebrastreifen, im Gegenverkehr in die Einbahnstrasse. Das ist alles ok. Und auch zwischen Autokolonnen hindurchschlängeln und am Lichtsignal nicht nur zuvorderst hinstehen, sondern am besten mitten auf die Kreuzung, damit man als erstes wegkommt – noch vor der Roller-Meute. Das bedingt allerdings, dass du die Kreuzung und das Lichtsignal kennst. Mit Mauro ists wirklich einfach, er ist in Rom aufgewachsen und kennt jeden Winkel.

Dass Mauro übrigens ein echter Römer ist, erkennst du an seiner Wade: da ist das Kolosseum auftätowiert:

Mauro, Radfahrer aus Rom: Kolosseum auf der Wade

Alleine bin ich etwas weniger kühn unterwegs, aber mit Mauros Verkehrsregeln komme ich prächtig zurecht und fühle mich sicher im römischen Verkehr.

Zwei Polizisten grüssen freundlich, als ich an ihnen vorbei durch die Einbahnstrasse fahre – gegen die Einbahnrichtung, versteht sich.

Auch die Fussgänger sind sehr tolerant, wenn ich vor ihnen über den Zebrastreifen flitze oder ihnen auf dem Bürgersteig entgegenkomme. Niemand reklamiert, niemand kümmert sich um das Fahrrad. Das ist der positive Teil der weit verbreiteten Gleichgültigkeit in Italien – die Toleranz.

Kurz: wirf alles, was du als Kind über anständiges Verkehrsverhalten auf dem Fahrrad gelernt hast, über Bord und fahre dort, wo es bequem ist.

In der Altstadt sowieso, da gibts ja auch Fussgängerzonen. Die Herausforderung dort sind mehr die Pflastersteine, auf denen du gründlich durchgeschüttelt wirst.

 

Velobahn und Zubringer Tiber-Uferweg

Die Orientierung in einer grösseren Stadt ist ja nicht immer ganz einfach. In Rom gibts zum Glück den Tiber, der die ganze Stadt von Nord nach Süd durchquert. Eine Art Kompass.

Dem ganzen Tiber entlang führt ein Uferweg, der über 30 km begeh- und befahrbar ist. Da befinden sich Jogger und Spaziergänger und Radfahrer und Obdachlose in trauter Gemeinsamkeit.

Du kannst den Uferweg von praktisch jeder Brücke über mehr oder weniger steile Treppen erreichen. Manchmal gibts sogar eine Metallrinne, in die du die Räder platzierst, so dass du das Fahrrad schiebst anstatt trägst.

Der Tiber-Uferweg wird zu einem Zubringer und zur Velobahn, um mich rasch und sicher in der Stadt zu bewegen. Mit der Zeit weiss ich, bei welcher Brücke ich hinaufsteigen muss, um zu diesem oder jenen Stadtteil zu gelangen.

So bin ich in höchstens 20 Minuten von meiner Wohnung auf der Piazza Navona…

Piazza Navona, Rom

… beim Trevi-Brunnen…

Trevi-Brunnen in Rom

Trevi-Brunnen in Rom

… die Spanische Treppe…

Spanische Treppe in Rom

Spanische Treppe, Rom

… das Kolosseum…

Kolosseum in Rom

Kolosseum, Rom

… und so weiter…

Piazza Colonna Rom

Altare della Patria in Rom

Petersplatz in Rom

… und das alles und noch viel mehr, gemütlich mit dem Fahrrad!

Mehr alte Steine per Fahrrad gibts im Artikel über die Via Appia Antica und den Park der Aquädukte.